Mittwoch, Juli 26, 2006

Ein Nachmittag am Piescherbecken

Wenn mir als kinderlosem Großstadt-Nerd etwas suspekt ist, dann diese öffentlichen Kinderplantschbecken, welche hier in Hamburg zuhauf rumstehen. Diese Örtlichkeiten üben auf mich die gleiche Faszination aus wie ein chirurgisches Lehrbuch mit vielen Bildern. Ich bin hin und hergerissen zwischen totaler Ablehnung aus Ekel und einer starken Anziehungskraft, weil man da - realistisch gesehen - einfach eine Menge lustiger Sachen zu sehen bekommt.

Oder in einem anderen Bild ausgedrückt: Es ist wie der "Genuß" von Chilibonbons aus dem Gummibärchenladen. Man steckt sich den ersten Chili in den Mund, kaut ungläubig, voll der Geschmacksirritation, unterdrückt einen Würgereiz weil es definitiv nicht schmeckt, ereifert sich darüber, daß man so einen Scheiß verkaufen kann, bzw. daß man so einen Scheiß gekauft hat, und nach einer halben Stunde hat man den gesamten Tüteninhalt weggenagelt. Nebenbei. Geht doch.

Zurück zu den Plantschbecken. Eine wundervolle Idee für alle Großstädter, die keinen Platz haben, um sich das Aufblasbare oder den Waschzuber in den Garten zu stellen. Jeder kommt. Ob jetzt die ultimative türkische Großfamilie mit Grill oder die ultimative deutsche Kleinfamilie. Auch mit Grill. Die Normale Hamburg-Mutter (ich hab hier ein Kind, das mach ich jetzt groß, Jessica, komm mal her, du hast jetzt genug Sand gegessen) und auch die Extrem-Hamburg-Mutter (ich habe ein Kind und sehe trotzdem toll aus, mein Kind ist immer aktuell modern gekleidet und ich lebe in Eppendorf oder Winterhude, morgen machen wir Werbeaufnahmen für Kindertoilettenpapier und unsere Emanuela-Sarah-Sophie-Charlotte-Sasel-Düdenbüttel ist schon ganz aufgeregt. Ist dieses Camouflage-Kopftuch, welches sie heute trägt nicht entzückend?).

Ich persönlich finde ja, daß Kinder funktionell angezogen sein sollten, weil sie eh alles vollsabbern und nicht wie ein kleiner Laufstegrambo aus dem H & M - Prospekt. Aber Ich muß ja keine Kinderblüschen von Hand waschen. Deswegen kann mir das eigentlich auch schippe sein.

Alle sind da und es herrscht großer Friede. Wie der Wasserlochfrieden in den Nationalparks in Afrika. Hier greifen sich höchstens mal die Kinder im Kampf um eine schöne orangene Plastikschaufel an, dürfen aber ihr Sozialverhalten nicht abschließend lernen und austragen, weil Mama oder Papa immer drei Schritte hinter ihnen stehen und für Recht und Ordnung sorgen.

Die Kinder lernen, was Wasser ist. Also, daß es noch mehr Möglichkeiten der Anwendung gibt als Zähneputzen und Haare waschen. Noch nicht, daß es trägt, weil Plantschbecken höchstens wadentief sind, aber immerhin, und die Mütter dürfen ungehindert und voller Stolz ihre von der Schwangerschaft gezeichneten Körper im Bikini austragen. Ist ja alles ganz natürlich und alle sind eingeweiht. Naja, fast alle. Es gibt ja noch mich. Doch für mich ist das beruhigend. So viel Cellulite sehe ich normalerweise nur, wenn ich mich nackig direkt vor den Spiegel stelle. Auch ich könnte mir jetzt die Kleider vom Leib reissen, mich mitten ins Becken setzen und so tun, als wäre eines der umspielenden Gören von mir. Ich würde auf alle Fälle nicht auffallen. Das beruhigt mich.

Was mich jedoch nicht beruhigt ist die Frage, wieviel Kinderpiescher an einem Nachmittag in so einem Becken landet. Ich habe es jetzt nicht probiert, schätze aber mal, daß der Chlorgehalt einer solchen Pfütze eher Richtung "unerheblich" tendiert, weil ich viel zu wenig Kinder mit geröteten Augen gesehen habe. Also, kein Chlor (ich lasse mich gern verbessern), sondern eine große fröhliche Eigenurintherapie. Im besten Fall nur Urin. Die Schließmuskelkontrolle schließt ja auch andere Körperöffnungen, die im Plantschbecken meist unverhüllt sind, mit ein. Deswegen sitze ich lieber nicht im Wasser, sondern auf einer Parkbank, beobachte das Treiben und ziehe hin und wieder dem Einjährigen einer Freundin am Fuß weil er dann immer lacht.

Kommentare :

lorretti hat gesagt…

... wie schön, dass es doch in jeder Grossstadt die gleichen Szenen gibt. Durchgestylte Mamas mit ihren trendy Kindern, körpertemperaturwarmes Wasser und der "liebliche" Geruch, der über dem Becken (und nicht nur über dem Kinderbecken)schwebt.
Übrigens danke für die super Berichte bisher ... haben mich über so manche sommerlochbedingte langweilige Stunde im Büro gerettet. Viele Grüsse aus Zürich-City.

Jens-Rainer Wiese hat gesagt…

In einem schlauen Buch für Kinder, die alles wissen wollen, lassen wir, dass Urin zu 90% aus Wasser und nur zu 10% aus Harnstoffen besteht. Ist doch beruhigend. Deswegen kann man den auch trinken. Soll man aber nicht, stand im Kinderlehrbuch, denn man soll nicht alles, was man kann. Aber in der Not dürfte man und sollte man. Wo bleiben jetzt die Frauen bei so vielen mans?

Bettina hat gesagt…

nicht ohne Grund haben die "Pischerbecken" stets eine pipwarme Temparatur...ich vermute auch, dass extra eine Färbetablette eingeworfen wird, damit man nicht auf Anhieb pullergelb sondern eher karibikblau erkennbar ist!

Kühles Blondes hat gesagt…

jens, du weißt, daß wasser bei diesen temperaturen verdunstet..ne?
wasser geht, harnstoff bleibt. ein ordentlicher schluß morgenurin hat sicher noch niemandem geschadet (wäh), aber hochkonzentrierte gemeinschaftspipi...
wenn man lange genug wartet, steht man bestimmt im reinen ammoniak...

bettina, das sind die, die man auch in die toilettenspülbecken tun kann. ne?

lorretti, übrigens, "bitte" :)

Bob hat gesagt…

Ach was soll´s. So werden die Jungs aufs Nebeneinanderpinkeln auf dem Männerklo vorbereitet (weshalb ich das bis heute nicht kann):) Und außerdem weiß man es ja und muss nicht durch die Soße waten. Und wer´s mag (brrrr...). Aber ne... der Gedanke ist schon gruselig. Darum immer einen schön weiten Bogen machen um die Kinderversammlung.

tiescher hat gesagt…

Da zitiere ich doch gern die Variante für den Winter:
Don't eat yellow snow!!!

Kühles Blondes hat gesagt…

aber der schmeckt doch am besten *g