Dienstag, Februar 20, 2007

Altbau

Hamburger Altbauwohnungen zeichnen sich durch reizendes Flair, manchmal hohe Decken, Holzfußböden und Stuck aus. Es gibt große weiße Flügeltüren mit Butzenscheiben, lange Flure und kleine Badezimmer.

Ich lebe in einer solchen Altbauwohnung. Die Decken sind zwar keine vier Meter hoch, aber fast drei. Also eigentlich ganz normal irgendwie. Besonders hoch ist hier gar nix. Auch die Miete nicht, was für die Schickiecke in der ich wohne wirklich ungewöhnlich ist. Dennoch bröckelt kein Putz, die Flure sind sauber, die Gärten gepflegt und die Nachbarschaft nett. Klasse Wohnung. Superduperwohnung.

Hier zieh ich nicht aus. Doch es ist nicht alles Sonnenschein. Der Teufel steckt im Detail. Hier in den ungedämmten Fußböden. Holzbretter auf Bohlen, darunter Deckenplatten und Farbe. Hier ist man unmittelbar am Leben seiner Nachbarn beteiligt. Jeder Schritt oben oder links und rechts kann nachvollzogen werden. Geheimnisse gibt es kaum. Jeder Streit ginge unmittelbar durchs ganze Haus wenn hier mal jemand streiten würde. Aber es macht keiner. Das emotionale Leben meiner Nachbarn ist gutbürgerlich dezent. Auch lautes Pimpern ist nicht an der Tagesordnung.

Nicht so, wie in meiner alten Wohnung, in der die unter mir wohnende Türsteherin in regelmäßigen Abständen ihren rechtsradikalen Freund verkloppte. Aber da mußte ich um mit einem Wasserglas an der Badezimmerwand horchen um auf dem Laufenden zu bleiben.

Nein, hier bekommt man das Leben der Nachbarn auf einem Silbertablett. Und über mir schreit ein Kind.

Als mittelalte Kinderlose bin ich natürlich tolerant. Kinder müssen schreien und Kinder dürfen lärmen. Man will sie ja nicht im Käfig großziehen. Und wenn das Kinderzimmer direkt über meinem Schlafzimmer ist, so what. Ich habe einst an einer Bahnlinie gewohnt, man hört das irgendwann nicht mehr.

Kinder werden älter. Und jetzt fängt das von oben an, sich von selbst fortzubewegen. Kinder müssen laufen lernen, und im Wohnzimmer sitzen und den Abend damit verbringen, anhand des Staccatos in der Wohnung drüber den Aktionsradios des Göres nachzuvollziehen und sich darüber zu freuen, daß der Kleine jetzt auch gerne mit dem Ball spielt oder versucht, mit seinen Bauklötzen eine Schneise in meine Wohnung zu schlagen, ist ja irgendwie noch akzeptabel. Ein mildes Lächeln ringt es mir ab. Leicht verkniffen vielleicht, aber milde. Kein Grund, herumzutoben.

Auch Heimwerkerbemühungen und Möbelgeschiebe der Eltern zu nachtschlafender Zeit...alles in Ordnung. Die haben ihre Gründe, dafür, daß sie erst so spät damit anfangen können. Aber wenn die mich noch einmal mit einem Technofeuerwerk überziehen, geh ich hoch und werf ihre Anlage aus dem Fenster.

Ungedämmte Holzböden und Boxen, die direkt auf dem Fußboden geparkt sind, saugen die Musik nämlich auf und transferieren diese 1:1 in mein Wohnzimmer. Oben ist wahrscheinlich gar nichts mehr zu hören weil alles bei mir ist. Nun mag ich Musik durchaus. Außer Techno. Von dem Gewummer krieg ich Herzrhytmusstörungen.

So saß ich hier schon das eine oder andere Mal mit blutunterlaufenen Augen, hin- und hergerissen zwischen Nettsein und sich zum intoleranten Arsch des Hauses machen. Ich stand auch tatsächlich schon einmal wie Else Kling mit dem Besenstiel im Wohnzimmer und rammte mir Dellen in die Decke. Was? Ich hätte ja auch hochgehen und nett bitten können, die Musik ein wenig leiser zu drehen? Ja. Der Wille war da. Die haben aber die Klingel nicht gehört weil die Musik so laut war. Und das, obwohl ich geduldig ungefähr fünf Minuten lang den Finger nicht von der Klingel nahm.

Als altes Sozialkompetenzmonster habe ich dann all meine verbliebene Höflichkeit zusammengekratzt und einen wirklich netten Brief geschrieben, in dem ich darum bat, die Boxen vom Fußboden zu entfernen. Und ich glaube, sie haben es gemacht. Nicht, daß ich keine Konzerte mehr im Wohnzimmer habe, aber die Gläser vibrieren nicht mehr im Schrank.

Die Kinder werden älter und die Eltern auch. So in zehn/zwanzig Jahren wird dies wieder eine beschaulich ruhige Wohnung sein. Dann gibts hier nur noch Bine mit ihrem Faible für Rockmusik.

Ich freu mich jetzt schon drauf.

Kommentare :

Pathologe hat gesagt…

In 10, 20 Jahren lässt Ihr Gehör auch etwas nach, da pendelt sich das ein. (Ist das nicht dann ganz genau die Zeit, in der der Erbfolger seine sturmfreie-Bude-Partys halten wird?)

Singamoebe hat gesagt…

Deswegen bin ich auch Fan von Neubauwohnungen - die kann ich mir zwar nicht leisten, aber ich hätte sie gerne! Wenn du möchtest gebe ich dir meine russischen Übermieter ins Haus - da nimmst du an jedem Streit teil! Ach ja und meine Sekte zur linken gebe ich dir auch - die wecken dich Sonntags um neun mit dem grossen "Huuuuuu". Und wenn das nicht reicht gibt es auch noch meine afrikanischen Nachbarn, an deren Gesprächen du dich erfreuen kannst und über deren Gerüche nach Trockenfisch zu kotzen kannst

Kühles Blondes hat gesagt…

Ach du liebe Güte, Herr Pathologe, Sie haben Recht. Es ist ja ein Sohn. Also die Sorte Kind, die sich so schlecht vom Rockschoß der Mutti lösen. Der feiert bestimmt zu Hause.

Vielleicht sollte ich vorbeugen und die Bremsleitung an seiner Kinderkarre durchschneiden...steht ja eh immer unten im Hausflur das Teil...Nicht weitersagen

mahort hat gesagt…

ja, ich mag kinder auch... solange ich sie weder sehe noch höre. und ich wechsel schonmal das zugsabteil, wenn mir so'ne laute quengelbrut zu nahe sitzt...
nun könnte man sagen: 'du warst auch mal so'. stimmt schon, aber ich musste mich nicht gleichzeitig ertragen!
apropos altbau: unsere waschküche ist über mir im 2. geschoss, wenn die maschine ins schleudern kommt, zittert meine wand zum treppenhaus. und wenn der typ unter mir sein keyboard anwirft, kann ich swr3 gleich doppelt so laut drehen.
aber trotzdem: ich wohn gern hier mitten in der altstadt!