Dienstag, November 04, 2008

Bild dir eine Meinung

Wer in den letzten vier Tagen meine Wohnung betrat, musste sich durch Riesenberge von Klamotten wühlen, die ich mit panischem, leicht abwesendem Blick, kaltschweissigem Antlitz und mittels der wie zum Angriff gezückten Kreditkarte in meinen Besitz brachte, dann tütenweise nach Hause schleppte, um anscheinend damit nicht mich an- sondern meine Höhle auszukleiden.

Ganz so war es natürlich nicht. Nur die Hälfte der völlig nutzlosen Klamotten sind neu. Die andere Hälfte, die hier großflächig im Eß- und Wohnzimmer verteilt ist, gehörte eh schon mir. Und natürlich reicht mir für meine kleine behagliche Höhle meine Leopardenmusterpuscheldecke (irgendwo in diesem Blog erwähnte ich schon einemal eine Tendenz zu abwesendem Geschmack).

Was kann einen also noch dazu bringen, die eigene Wohnung schlimmer aussehen zu lassen als einen Shop von H&M oder Zara? Genau. Es war mal wieder soweit für: Sowas.

Der November ist nun traditionell nicht unbedingt der Wonnemonat für romantische Hochzeiten in Tütü, hektische Klamottenkäufe unter Umgehung der Stirnlappen sind aber auch bei anderen Gelegenheiten denkbar. Zum Beispiel, wenn man gebeten wird, mit einer Freundin auf einem Hanseatenabend auf dem Süllberg Häppchen zu essen und Sekt zu trinken. Tütü war also nicht wirklich angesagt, sondern dunkelblau mit Goldknopf. Für die Herren.

Nach zwei Tagen Shoppingautismus hatte ich ungefähr tausend Euro ausgegeben für Mist und eine Bluse, die ich tatsächlich zu der Hose, die ich damals zur Hochzeit kaufte, anzog. Schlicht, hanseatisch, schick. Und die ganze Panik mal wieder fürn Arsch, der dann zum Glück kurz vorm mentalen Supergau entschied, doch in ebendiese superteure beige Hose zu passen, die ich vor zwei Jahren kaufte, als ich meine Füße verlor.

Ich muss einfach öfter "für gut" weggehen, dann bin ich vorher nicht immer so aufgeregt. Also Jungs, ich lass mich gern einladen. Dafür trag ich dann auch mal Schuhe mit Hacken. Vielleicht sogar die, die den Mittelpunkt meiner Frustkäufe bilden. Ein Zehnzentimeterabsatzpeeptoegoldschläppsche mit einer Aufliegefläche im Hackenbereich von nicht mal einem halben Cent. Stellt Euch das mal vor. Gut, wenn ich die trage müsst ihr mich tragen, aber ich würde sie anziehen. Das ist ein büschn, wie einen Lastwagen auf rohe Eier stellen, aber ich hab sie gekauft, verdammt. Und ich krieg die nicht zurückgebracht, die waren nämlich runtergesetzt und ich nicht mehr Herr meiner Sinne.

Nun gut. Der gefürchtete Abend, auf dem diverse Damen und Herren, die sich um den Hafen Hamburg verdient gemacht haben, Medaillen verliehen bekamen von einer Zeitung, von der jeder behauptet, sie nicht zu lesen, ist vorbei und war viel entspannter als ich dachte. Es gab viel zu sehen, wobei ich, traditionell politisch uninteressiert, gerade mal den Herrn von Beust erkannte und mit etwas Nachhilfe von Flavia auch noch ihren Landesherrn, Herrn Carstensen.

Die ganz berühmten Leute, bei denen es sich lohnt, in ihren Hintern zu kriechen (schuldigung Herr von Beust), waren in der Menge leicht auszumachen, weil sich in locker gestrickter Formation dann und wann eine Klumpenbildung zeigte, wo aufgeregte Herren an den Lippen der Verehrten hingen, um ja keinen Einsatz zum Lachen über einen schlechten Witz zu verpassen. Ich kenn das ja aus der Bank.

Es waren Schauspieler da, die mich jetzt aber nicht so aufgeregt mit den Flügeln schlagen ließen, weil wir uns nämlich selbst eine davon mitgebracht hatten. Carlo von Tiedemann erzählte wirklich lustige Witze (Was sagt ein Wirt zu einem Schornsteinfeger? "Das geht aufs Haus" Haha), die aber keiner hören wollte, ich aß irgendwelches Fingerfood mit Sülze (gewöhnungsbedürftig), ohne Sülze (lecker) und mit Kohlensäure (bsssss). Gut, die trank ich. Trotzdem bsssss.

Schade war, dass die Verleihung der Medaille die ganzen Pfeffersäcke überhaupt nicht interessierte. Der Geräuschpegel im Raum war enorm, weil sich alle fröhlich unterhielten und niemand die verzweifelt um Ruhe bittenden Laudatoren auch nur im Ansatz beachtete. Auch Herr von Beust nicht. Und der redet nicht leise. Als ich einem Herrn neben mir, den ich natürlich nicht kannte, zuraunte, dass Herr von Beust doch ziemlich ungehemmt laut in die Laudatio quatscht, was mit Höflichkeit nicht viel zu tun hätte, bekam ich ungefragt eine recht ausführliche Schilderung, wie sehr der Bürgermeister die Kultursenatorin, die auch grad neben uns stand, fördere, weil sie diese Förderung grad etwas nötig hätte, es wäre wohl ein wenig viel für sie.

Ach so. Na dann.

Die Hamburger Symphoniker, die ebenfalls anwesend waren, wurden genauso beachtet wie die Preisträger. Eigentlich wäre es sinnvoll gewesen, man hätte mit ein paar Fotografen die Preise im Hinterzimmer übergeben und die Gäste sich derweil im Saal betrinken lassen, um hinterher noch ein paar kompromittierende Fotos zu machen. Das nur mal als Vorschlag fürs nächste Mal.

Alles in allem hat mir der Abend gut gefallen. Ich schaue mir gern mal andere Kulturen an und mit dieser komme ich auch noch recht gut aus. Die Jungtiere sind nicht so meine Welt, Herren mit hochgeklappten rosa Poloshirtkragen und achtzehnjährige Blankeneser Eisenten mit Kostümchen und Perlenkettchen. Aber die etwas gesetztere Generation dieser Gattung könnte ich mit nach Hause nehmen und mich die ganze Zeit daran erfreuen.

Und jetzt sammel ich meinen Klamottenberg zusammen, stopfe ihn unten in den Kleiderschrank, damit ich ihn nicht mehr sehen muss, und überlege, wie ich die Insiderinformationen über diverse Vorstandsvorsitzende von Firmen, die ich nicht näher bezeichnen werde, anbringe. Pfeffersäcke sind nämlich genau so normale Lästermäuler wie alle anderen auch. Und ich konnte schon immer gut zuhören. Auch wenn ich nur die Hälfte verstehe.

Kommentare :

der lange hat gesagt…

hey, dieser blog darf doch nicht unkommentiert bleiben!!!!!

na gut, keiner traut sich? dann muß ich wohl ran:
bei der erwähnung deiner neuen stöckelschühchen mußte ich sofort an das nächste heimspiel denken. das wär doch mal ein prima stilbruch. oben den verwarzten totenkopfkauzenpulli und anne füße die pfennig.. äh centabsätze. beim tragen hilft der rest der bande bestimmt. vier mann, vier ecken! und nach ahlen rotweiß kannst du noch auf der lichterfahrt der speicherstadt die show stehlen. inne barkasse brauchst auch nicht laufen. na? wie isses?

Kühles Blondes hat gesagt…

ich freu mich drauf. mir wäre es allerdings ganz lieb, wenn ich so einen stab bekäme, den seiltänzer fürs gleichgewicht in der hand halten...