Donnerstag, November 23, 2006

Fabularasa

"Eigentlich könnte ich ja mal wieder was komisches schreiben" dachte ich mir vorhin. So etwas, was nicht einfach so ohne nachzudenken runtergerissen wird, sondern etwas mit Hintergrund. Etwas, bei dem pointiert bewusste Punkte hervorgehoben sind, etwas mit Sinn. Mit einer Moral. Moral ist immer gut. Besonders so kurz vor Weihnachten. Diese humorigen Bilder, die den hinter dem Rücken versteckten aaber doch erhobenen Zeigefinger gerade noch so weit verbergen, dass er unabsichtlich scheint.

Einmal wieder einen Eintrag mit rotem Faden. Mit einem schlüssigen Verlauf. Mit einem Spannungsbogen und ohne aufgemotzt wirkende Alliterationen und so und Stilbrüche sind ja insgesamt auch irgendwie voll doof. Leider weiß ich von Stil nicht sehr viel, glaube aber, dass ich sicher hier und da etwas breche. Mit Pech irgendwann mal meine Finger. Dann hätte ich ein echtes Problem. Meine Finger schreiben nämlich von alleine. Da hat mein Kopf gar nichts mit zu tun. Meine Finger denken manchmal komisch. Ich selbst habe gar keinen Humor. Und dann müsste ich darüber schreiben was ich ernsthaft denke. Wie langweilig.

Ich könnte mir ja schon mal was ausdenken. Nur für den Fall, daß ich irgendwann leer bin. Gedanken anderer Menschen ausdenken hat irgendwie etwas kindlich Befriedigendes wie das Spiel mit einer Barbie-Puppe. Ich könnte mir Geschichten von einem einsamen Singlemann namens - öhm - Kurt vorstellen. Wie er irgendwo rumsitzt und sich Gedanken darüber macht, wie single er ist und ob er lieber Bratkartoffeln möchte oder Reis. Das wäre es doch. Dem könnte ich richtig lustige und singlemäßige Hausschuhe aus Cord anziehen....und ....Cord, das ist ein viel hübscherer Vorname für einen männlichen Single in einsam mit Puschen. Cord, das ist besser als Kurt. Wer Cord heißt, wird bestimmt nur alle Schaltjahr mal geküsst.

Ist ja bald wieder. Ein Schaltjahr. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass Cord am 29. Februar Geburtstag hat, küsst ihn seine Mutter. Und die Tochter von der Nachbarin. Die ist so alt wie er. Und hat früher mit ihm zusammen in der Sandkiste gespielt. Sie hat eine zugenähte Hasenscharte und einen schlechten Charakter. Denn merke: Nicht jeder Mensch, der kacke aussieht, hat ein goldenes Herz.

Cord wird jetzt also 8x4, er hat einen Kurzhaarschnitt mit Pony und an den Seiten gerade heruntergekämmten Haaren. Die Haare sind schon leicht licht und uninteressant gefärbt. Außerdem sind sie einen Tick zu lang und beginnen sich im Nacken ganz leicht zu locken. Nur unten. Wie bei einem Baby. Sieht leider nicht süß aus.

Er ist fast 1,90 m groß und ziemlich dünn. Beachtlich an ihm ist, daß seine Hände beim gehen gerade herunterhängen. Wer ihn anschaut ist deswegen zunächst irritiert. Es sieht aus, als hätte man bei einem Hampelmann die Arme unten festgetackert. Wenn Cord beim tatsächlich einmal mit den Armen schlenkert, dann macht er das im Passgang. Er schlenkert also mit dem rechten Arm nach vorne, wenn das rechte Bein einen Schritt
macht. Das wirkt noch irritierender als die Tackerarme.

Er trägt bestimmt eine Brille. Eine Brille mit einem blauen Gestell. Eher ein kleineres Modell, so wie es vor ein paar Jahren bei den vermeintlich Intellektuellen mit den Wollpullis und den Kindern mit den komischen Namen ("Berenice, kommst du bitte mal zu Wolfgang), die ihre Eltern beim Vornamen nannten, modern war.

Seine Brille ist etwas angeschmutzt. Außerdem rutscht sie auf der Nase immer etwas nach unten, welches Cord mit einem kurzen Stirnrunzen und Naserümpfen wieder in Ordnung zu bringen glaubt. Nach drei oder vier Rümpfern schiebt er dann doch die Brille mit dem Mittelfinger der linken Hand wieder auf den korrekten Platz. Er ist sauber angezogen, jedoch nicht besonders modern. Eher funktionell. Einfach. Grau. Cordhosen. Höhö. Er wäscht und bügelt seine Sachen selbst und putzt seine Schuhe jeden morgen. Das hat er von seinem Vater so übernommen.

Und er ist einsam. Er ist zu viel allein, denkt zu viel nach und keine Frau neben Mutti wollte sich bisher näher mit ihm beschäftigen. Leider hat ihm auch keine gesagt, woran das lag. Immer nur "Nein". Nie "Nein, weil". Das ist doch unfair, denkt er zuweilen. Bei Bewerbungsgesprächen muß doch auch Chancengleichheit herrschen, Absagen müssen konkret mit einem Grund formuliert sein. Das bietet doch Raum für Verbesserungen. Und die ollen Hühner sagen nur "nö".

Was soll man denn nach einem "Du bist ja ganz nett, aber" verbessern? Geschweige denn nach einem "verpiß dich". Ist ja nicht so, als würde er nicht an sich arbeiten wollen, aber dafür muß ihm doch erstmal jemand die wunden Punkte aufzeigen. So dachte er, als er von der Arbeit, einem Bürojob im Amt, kam, und sich mit Puschen (Filz) und einem Käsebrot auf die Couch setzte. Er ist nämlich nicht blöd, wie jetzt vielleicht der eine oder andere schon denken mag.

Neinnein, im Gegenteil. Cord ist nicht blöd. Er wäscht sich nicht oft genug die Haare, aber er ist nicht blöd. Und er hat auch noch nicht die Merkbefreitheit erreicht, die Schicksalsgenossen vom ihm öfter heimsucht als man denkt. Er ist sich über seine Situation noch sehr im klaren. Er hat noch nicht den echten Blick verloren. Er lebt noch im hier und jetzt.Er hat auch noch nicht aufgegeben. Er hat noch Hoffnung. Auch wenn er die Frauen nicht versteht.

Männer übrigens auch nicht. Er ist eigentlich den ganzen Tag irritiert. Was ihn nicht reizvoller macht. So äußerlich betrachtet. Er hängt in einem Verstandsvakuum zwischen den Geschlechtern. Vielleicht schlackert er deshalb nicht mit den Armen. Wer weiß.

Ja, vielleicht könnte ich etwas über Cord schreiben. Oder doch lieber über Sibylle, die sich bereits ihr ganzes Leben darüber ärgert, daß ihre Eltern das Ypsilon und das Ieeh verkehrt herum schrieben. Und die all ihre Probleme des täglichen Lebens darauf schiebt, daß sie als orthographisches Schüttelrätsel herumläuft.

Oder ich lasse einfach meine Finger ganz und bleibe bei Dingen von denen ich etwas verstehe. Ich habe übrigens neue Töpfe. Wunderschöne blaue Emailetöpfe mit Blümchen drauf aus dem Nachlass einer Großtante. Die werf ich bestimmt nicht so schnell weg. Hoffe ich.

Roter Faden? Schlüssigkeit? Absichtliche Moral?

Papperlapapp.

Kommentare :

martin sw hat gesagt…

du bist einfach genial...!
ich freue mich täglich auf deinen blog.

Kristinschn hat gesagt…

Sehr schön geschrieben! (Und ich möchte nicht als weiblicher Cord enden...)

Mike hat gesagt…

http://de.wikipedia.org/wiki/Cord
Toll, was man bei WIKI so alles findet. Ich hätte ja jetzt mal gedacht, dass die Concorde *uaahahahaa* das bevorzugte Verkehrsmittel von Kurt -ähm- Cord ist. Ansonsten hab ich die Geschichte irgendwie nicht kapiert.....wird Zeit, dass ich nach Hause fahre!

der lange hat gesagt…

ich kannte auch mal einen cord, spitzname cord-hose. der ärmste hatte meines wissens auch nie eine freundin und so richtig als gutaussehend konnte man ihn auch nicht bezeichnen. rotblond und dünnes haar. da hören aber auch schon die gemeinsamkeiten auf. mein cord schlug nun einen ganz anderen lebensweg ein. nach gemeinsamen johanneskraut erfahrungen verschlug es ihn nach berlin und er stieg in der betäubungsmittelhierarchie beachtlich auf. ich wünsche ihm, daß er sich noch keinen goldenen abgang bereitet hat.
da mußte ich dran denken, als ich deinen text las. so sieht es dann im wahren leben aus.
fazit: cords aller länder, haltet euch lieber an die kühleblonde vorlage!

Markus hat gesagt…

Liebste Bine,

magst Du mir bitte mal verraten, welche Drogen Du zu Dir nimmst ? DIE WILL ICH AUCH !

Gruß aus Wien

Markus

lorretti hat gesagt…

Vielen Dank. Hab mich köstlich amüsiert. Bist immer wieder eine Inspiration. Grüsse aus Zürich