Samstag, April 26, 2008

Punkt, Satz, Sieg

Ich habe mich verliebt. Rettungslos. Rosarot. Debil lächelnd könnte ich in der Ecke sitzen, entrückt an die Wand oder in mich hineinschauen, dabei an diese neue Liebe denken und ich fühlte mich durchgehend angenehm des Alltags enthoben. Leicht und unbeschwert bin ich, heiter und obertonig. Schmetterlinge kommen mir in den Sinn. Sonne und zarte Flötentöne. Trotzdem ich weiß, dass diese Liebe niemals erwidert werden wird. Ich bin glücklich.

Danke sage ich an dieser Stelle dem Axel-Springer-Verlag, in deren Machwerk „Hamburger Abendblatt“ der Grundstein für diese Liebe gelegt wurde.

Zwei Überschriften der heutigen Ausgabe haben sich heute einen dauerhaften Platz in meinem Herzen gesichert. Ich gebe sie jetzt hier einmal zum Besten und lasse sie unkommentiert stehen:


„Jede zweite Blaumeisenehe geht in die Brüche“

„Ist der Stint der neue Wachtelkönig?“


Ich finde diese Sätze so schön, dass ich mir vorstellen könnte, das Hamburger Abendblatt öfter zu lesen. Genauso, wie ich wegen folgender Sätze lange Zeit eifriger Zuschauer von Dauerwerbesendungen war:


„Schönheit muss auch innerlich sehr gut sein“ (Werbesendung für Puschen)


„Eine Frau mit Pinsel sieht wunderschön aus“ (Werbesendung für Glitzerbastelkram)


Die Affinität zu Einzelsätzen ist bei mir vielleicht etwas stark ausgeprägt, dürfte aber in den Grundzügen jedem bekannt sein

Wenn wir uns Kinder anschauen, die sich langsam aber sicher erst in die Welt der Sprache hineinbegeben, sehen wir die Wurzeln. Kinder verwenden Sätze und Worte, die sie hören und gut finden. Die erwachsen klingen. Die groß sind. Wenn ein Sprechlernkind im Zustand des gerade-durchgekitzelt-werdens anstatt hysterisch zu kreischen empört sagt: „Ich krieg zu-viel“, dann haben wir es genau mit einem solchen Phänomen zu tun.

Weil ich in dem vorherigen Artikel schon meinen Neffen am Wickel hatte, erlaube ich mir hier auch eine diesbezügliche kleine Indiskretion, die mir hoffentlich verziehen wird. Dieser junge Mann hatte im zarten Alter von knapp drei Jahren das Bedürfnis, mir bei der Bügelwäsche behilflich zu sein und plättete sehr konzentriert mit so einem alten Eisending auf den von mir überreichten Kleidungsstücken herum. Er legte diese auch sehr konzentriert und inakkurat zusammen und gab sie mir mit den Worten: „Hier, Bine, das ist fertig, das kannst du in den Schrank legen. Aber bitte ordentlich, ich will nicht alles zwei Mal machen“.

Süß ne?

Doch es geht weiter. Auch in der Pubertät scheint es Vorlieben für bestimmte Wortfolgen zu geben, die als besonders erwachsen gelten. Abgesehen von ej Alta, eh fett Digga, gibt es Sätze, die sehr persönlich mit bestimmten Gefühlen verbunden werden, die eine Situation ausdrücken, oder die besonders erwachsen scheinen aus Sicht des Blagen.

Sätze, deren Urheber meistens Eltern, Fersehgestalten oder erwachsene Bekannte sind, denen die Kinder Bewunderung entgegenbringen. Sätze, die ein Eigenleben haben. Die angewandt werden wollen. Weil sich die Gören dabei fühlen, als dürften sie schon Auto fahren.

So am praktischen Beispiel heute morgen in der U-Bahn erlebt, als die absolute Höchststrafe für einen U-Bahn-Pendler wie mich hereinbrach. Kinderherden nämlich. Heute eine Herde von ungefähr zwanzig Schulkindern im Alter von, na, schätzungsweise dreizehn Jahren pro Kopf im Schnitt. Die Mädels noch kindgesichtig mit viel Schminke, lustigen Frisuren und den obligatorischen weissen Frühlingsjeans, und die Jungs milchbubenlinkisch mit mindestens drei Pickeln pro Quadratzentimeter.

Sie kamen auf die letzte Sekunde hereingerumpelt, was eine Flucht meinerseits unmöglich machte, rasten, sich gegenseitig rempelnd, durch den Waggon, um sich auf die freien Plätze zu schmeißen, und „besääääätzt, hier ist besääätzt“ zu brüllen.

Meine helle Freude könnt ihr euch vorstellen.

Es war also allgemeine Unruhe und Hektik, aber mit einem Mal drang es wie Honig an mein Ohr. Zwar war der Ton etwas schrill und der Unterton in typischer Pubertierart genervt. Doch ganz zauberhaft und unpassend warf eine Weißbehoste sich in den Sitz und dann in die Runde: „Oooooooooooh, massier mir mal die Füüüße“.

Da war ich versöhnt. Und mein Herz vorbereitet für das was noch kommen sollte.

Danke Mädchen, danke Springer, danke Frühling, danke Satz.

Mittwoch, April 23, 2008

Frühling lässt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land...

Feierabend in der Stadt, in der ich am liebsten Feierabend mache. Andere Leute nennen sie die schönste Stadt der Welt, und ich finde das auch. Aber ich wollte ja nicht gleich mit dem Tor zur Welt ins Haus fallen.

Sonnenschein pur, blauer Himmel, fröhliche Menschen auf den Strassen, ich mag diese Tage, wenn die ersten Sonnenstrahlen durchsickern. Ich weiss auch schon, dass morgen in der Hamburger Morgenpost, die ich zu kaufen angewiesen wurde, weil da ne Produktion einer Freundin abgebildet sein wird, auch ein Foto ist, auf dem sich zwei Mädchen im Alter von ungefähr siebzehn/achtzehn Jahren lachend über einen Eisbecher rumpfbeugen. Und darunter steht dann: "Jasemine und Chantall genießen die ersten Sonnenstrahlen in der schönsten Stadt der Welt". Vielleicht sind es auch Aishe und Soey. Ob das soey geschrieben wird? Ich bin mit Kindernamen und den Schreibweisen derer nicht so ganz auf dem Laufenden.

War ich früher schon nicht, weswegen mein bedauernswerter Neffe jetzt einen Namen trägt, den es gar nicht gibt. Den von mir damals als "Tianon" akustisierte und vor allem favorisierte Name, den ich meinem Bruder mit einer unglaublichen Verve anpries, weil ich ihn so viel besser fand als "Julius". Der Name, der dem Kinde hätte gegeben werden müssen, weils der gemeinte war, lautet eigentlich "Cianàn" oder "Cian". Da gibts dann auch Bedeutungen zu (Brüderlein, falls du dir je darüber Gedanken machtest, ob dein Sohn einen Sinn hat, er hat. Zumindest in der gemeinten Grundform heisst er "der Alte" oder "der Weise". Besser spät als nie, sag ich mal).

Also, bleibt mir weg mit Kindernamen. Da bin ich nicht die richtige für. Meinetwegen dürfen sich auch Rolf und Hermann über dem Eisbecher schelmisch anlächeln und die ersten Sonnenstrahlen genießen. Schönste Stadt undsoweiter.

Als ich also aus der Bank Richtung Edeka schlenderte und dabei, Sonnenstrahlen genießend überlegte, was ich mir denn zusätzlich zu der blöden Lauchstange, die unbedingt wegmuss, heute abend noch in den Kochtopf schnibbeln kann, blieb mein etwas abwesender Blick an etwas hängen und ich erstmal recht versonnen stehen. Es gibt auch Frühlingsfolgen, die keiner will. Eine junge Frau nämlich, die gänzlich, von den Zehenspitzen bis zum Haarband in eine Pracht aus Pink, Rosa und ein wenig weiss gekleidet war. Die gute sah aus wie eine große rosa Zuckerwatte ohne Stil.

Ich freute mich selbst ein wenig über dieses wundervolle Wortspiel und rannte, da nicht die Aufmerksamkeit in Person, direkt in zwei junge Männer, die aus der Schlemmermarktschwingtür geworfen wurden, wobei der eine den anderen freudig anbrüllte: DAS IST LEBEN, ALTER, DAS IST LEBEN. "Ach was" dachte ich, und freute mich bis hin zum blöden Grinsen.

Ist das zu fassen? Auf einer Distanz von zwanzig Metern gleich zwei Erlebnisse, die mich bis nach Hause schmunzeln lassen. Zur Feier des Tages ließ ich mein Unterbewußtsein einkaufen, welches mir einmal wieder Oliven mit Chilipaste in den Einkaufskorb legte, die ich gar nicht essen kann, weil sie mir sämtliche Mundschleimhäute wegbrennen.

Diese von mir bis zur Perfektion gebrachte Einkaufstechnik ist eigentlich einen eigenen Artikel wert. Deswegen sei nur am Rande kurz aufgezählt, was ich noch wahllos packte. Ich bin jetzt stolzer Eigentümer eines Glases Orangen-Senf-Sauce, einer Zuccini, einem großen Familienglas Kühne Gewürzgurken, einer Flasche Rotwein und einer Dose passierter Tomaten mit Basilikum.

Und nun muss ich zusehen, wie ich das mit der alten Lauchstange kombiniere. Naja, zur Not hab ich noch Sahne. Mit Sahne ist noch nie ein Essen verdorben worden.

Als ich meine Einkäufe von der U-Bahn nach Hause trug, sah ich, was Leben ist. Vor mir wanderte ein älteres Paar um die achtzig ebenfalls nach Hause. Händchenhaltend. Das ist Leben, Alter.


...Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Dienstag, April 15, 2008

Chemie

Eigentlich bin ich krank. Eigentlich bin ich sogar beachtlich krank. Gäbe es nicht diese wunderbare Erfindung Paracetamol, säße ich zu Hause und würde freudig meine steigende Fieberkurve beobachten. Aller Voraussicht nach hätte ich auch noch eine Menge Halsschmerzen und den bedauernswertesten Blick am Leib, den man sich überhaupt vorstellen kann. Mir täte auch alles weh.

Doch ich wohne allein. Niemand da, der sich für den Blick interessiert. Niemand da, der mir Eis bringt und kalte Tücher. Niemand da, der mir Tee kocht und mir die Bettwäsche wechselt, wenn ich aufgrund des Fiebers wieder alle Poren offen Biosauna spiele. Deswegen bin ich froh. Froh über Paracetamol.

Es ist wichtig, für den Notfall fiebersenkende Mittel im Haus zu haben. Sonst sitzt man irgendwann mit dem Thermometer, welches über die vierzig Grad gestiegen ist, im Bett, befleißigt sich einer gefährlich guten Laune und vergnügt sich damit, wahllos irgendwelche Nummern zu wählen und fröhlich in den Höhrer zu krähen: „Hurra, ich bin drüber, ich schmelze gleich. Tschüß.“ Ich entschuldige mich auch hiermit noch einmal in aller Form.

Die Eltern, die dann als Nottaxi aufbrachen, um mich in stirnkühlende mütterliche Hände heimzuholen, hatten zumindest angabegemäß viel Spaß. Ich habe da ehrlich gesagt nicht mehr viel Erinnerung dran. Und ich kann nicht behaupten, dass ich das schade finde. Abgesehen von einem unglaublichen Bewegungsdrang meiner Person, bekam ich auch eine nachdenkliche Phase in der unser damaliger Hund noch zu einem Geheimnisträger wurde. Mir wurden zumindest recht ernsthafte Gespräche mit der Töle unterstellt.

So viel Spaß. Und ich eß Paracetamol und sitze tagsüber im Büro. Ich Depp.

Leiden macht dort auch keinen Spaß. Nicht zu unrecht würden die Kollegen sagen: Heul nicht, dann geh nach Hause. Außerdem leide ich gar nicht. Ich habe ja Paracetamol. In ausreichender Menge verzehrt und regelmäßig nachgelegt, ist eigentlich kaum ein Unterschied zur vollständigen Gesundheit festzustellen. Annährend.

Doch ich weiß, dass der Tag kommen wird, bestimmt am Wochenende, das ist doch immer so, an dem meine Magenschleimhaut dem steten Strom der Chemie nicht mehr standhält und ich auf Entzug muß. Und dann liebe Leute, dann lacht es mir ins Gesicht, dann heißt es „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ und dann bin ich fällig. Gar nicht gesund, immer nur an Symptomen herumzudoktorn.

Für die Leber ist das Zeug auch nicht soo toll...

Oh, gute Idee. Könnte irgendwann als Ausrede herhalten. Dann eß ich noch ein paar.

Donnerstag, April 10, 2008

Ei leik Scheinies

Es kann wirklich keiner behaupten, die Chinesen wüssten nicht, wie man Spaß hat. Die sind schon ein lustiges kleines Völkchen. Wer sonst käme auf die Idee, aus dem olympischen Fackellauf eine Schnitzeljagd zu machen. Wenn da mal nicht irgendeine Reality- oder Spielshow a la Takeschiss Schloss oder wie das heisst, hintersteht. Jaja, das sind Japaner. Aber wahrscheinlich dauert das nicht mehr lange, bis China die auch schluckt. Dann passt das wieder.

In San Francisco wird der Lauf jetzt heimlich umgeleitet. Die Pro-Tibet-Franktion wird unten am Berg zusammengerottet, das "Unten", von wo diese Strassenbahnen hochfahren. Das Unten, was man im Vorspann zu "Monk" sieht, wo sie gemeinschaftlich bis hundert zählen. Wer möchte darf auch den Schlachtruf "Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein, China muss aus Tibet weg sein" johlen, und dann gehts los. Wie beim Hansemarathon alle gemeinschaftlich den Berg rauf. Das ist Gemeinschaftssinn in Verbindung mit Sport. Das macht Spaß, das ist gut gegen Cholesterin und Herzinfarkt. Die Amis sind eh zu dick.

Wer die Fackel erobert, darf sie behalten und die Menschenrechte in China vorstellen. Sollte ein Chinese die Fackel selbst erobern, darf er die letzte ledige junge Frau Chinas heiraten und neue Dynastien gründen. Die Chinesen selbst haben in diesem Spiel noch mit einem zusätzlichen Handikap zu rechnen, da sich jeder erwischte Gelbe, der sich bei Pro-Tibet-Akivisten aufhält, selbst die Fingernägel mit einer Kneifzange herausziehen muss. Aber was tut man nicht alles für ein wenig Spass, Gesundheit und Liebe.

Apropos "was tut man nicht alles". China als Staat ist nun wirklich nicht nett. Wären wir alle noch in der Grundschule, würden wir diesen miesen kleinen Laternenpisser, der gerne die Kleinsten verkloppt und Schutzgelder von den eigenen Geschwistern abzieht, immer als letzten in die Mannschaft wählen. Wir würden ihn auch nicht zu Hause besuchen um dort Mensch-Ärgere-Dich-Nicht zu spielen, weil wir gar nicht sehen möchten, wie er die seinen herumkommandiert. Aber anscheinend ist China der kleine Laternenpisser mit der Rügenwalder Wurst auf dem Pausenbrot. Und die wollen wir. Rückgratloses Gewürm, wir. Und dann regen wir uns über die Kinderschwärme in Dritteweltländern auf, die uns anbetteln. Wir sind doch nicht viel besser.

Kann man dieses wirtschaftliche Speichellecken mal überdenken? In Indien stellen sie mittlerweile auch schon ganz passables chemisch verunreinigtes Kinderspielzeug her. Auch ganz billig. Und die lassen ihre Leute auch verhungern. Aber aus religiösen Gründen. Nicht von wegens der Politik. Macht die Sache nicht besser, aber da kann man ganz anders drüber diskutieren.

Bevor ich jetzt einen Krieg auslöse, schnell noch Gutwetter:



Und Jungs, falls es irgendwann mal wegen Eurer Einkindpolitik überhaupt keine little chinese girls mehr gibt, hier noch die neue Chinesische Nationalhymne:



Tschingtschangtschong. Schele schneidet Papiel.

Sonntag, April 06, 2008

Tage wie dieser

Eine der größten Katastrophen die mir passieren könnte, wäre eine Arbeitslosigkeit, denn ich weiss genau, dass ich, zumindest in den ersten Wochen zu Hause, talkshowgastträchtig verloddern würde.

Na gut, na gut, na gut, ich weiß. Es gibt wirklich Schlimmeres. Wenn jemand ganz ganz doll krank wird oder gar stirbt zum Beispiel. Ich ziehe also gerne den Begriff „größte Katastrophe“ zurück und wandele ihn offiziell in ein „Was irgendwie echt gar nicht gut wäre,...“.

Nicht nur aus Respekt vor Menschen, die in ihrem Leben richtig kämpfen müssen, sondern auch aus Angst vor Murphy. Murphy Law oder wie der heisst. Wenn ich hier so etwas Dramtisches herausrufe, hört er das nämlich vielleicht und kommt. Da wollen wir mal lieber nicht das Risiko des obligatorischen worst case eingehen. In der Bank wird schließlich schon wieder umstrukturiert.

Das wäre also geklärt. Kommen wir zurück zur Verwahrlosungsphantasie. Eigentlich durchaus halbwegs tough und organisiert wirkend, neige ich leider an Tagen, an denen ich nicht dem Broterwerb nachgehe und sozial nicht eingebunden bin, zu grenzenloser Faulheit. Heute zum Beispiel.

An diesen Tagen, an denen ich keine Termine habe und der Kühlschrank mir keinen Hinweis darauf gibt, dass ich verhungern würde wenn ich das Haus nicht verlasse, könnte ich natürlich fröhlich stundenlang herumputzen und meine Wohnung verwandeln in eine Oase voller Frühlingsduft, in der ich zu jeder Tag- und Nachtzeit adrett herausgeputzt und onduliert die Tür für spontane Besuche öffne, um diese mit frischen Beerentorten aus dem Tiefkühlfach und Milchschnittenfluten zu bewirten. Ich würde dabei auch glockenhell lachen und die Sonne würde mein Esszimmer in ein staubfreies blitzendes Paradies verwandeln, wo aus jeder Ecke die Sonne scheint. Smetanas Moldau, oder nein, viel besser ist die Melodie aus „Drei Nüsse für Aschenbrödel tönte leise im Hintergrund und auf dem Balkongitter rastete ein Eisvogel.

Hach, ich könnte weinen vor Glück bei dieser Vorstellung.

Und jetzt zur Realität:

Ich bewege mich an diesen Tagen aus dem Bett direkt zum Kaffeekocher, zum Computer, auf die Couch, vor den Fernseher, an den Kaffeekocher, vor den Fernseher, an den Kaffeekocher, zum Computer. Und dann das ganze wieder zurück. Manchmal, biege ich auf dem Weg zum Kaffeekocher auch noch ins Wasserloch ab, um dort zu tun, was eine Frau tun muss. Müssen halt. Das schaff ich zwischendurch auch schon fast mit verbundenen Augen.

Kissenfalten jedoch, Schlafdünste und Makeupreste, bleiben ebenso am Körper wie Jogginghose und altes Sweatshirt, eine implodierte Haarpracht und – kurzer Blick zum Boden – braunweissen Ringelstopsocken mit Entengesicht. Bei den Ludolfs würde ich an diesen Tagen bestenfalls dadurch auffallen, dass ich blond bin.

Tägliche Gammelei durch erzwungenen Tagesstrukturverlust aufgrund eines fehlenden Arbeitsplatzes, gepaart mit der Tatsache, dass das soziale Netz tagsüber arbeitet und nicht dafür zur Verfügung stünde mich zur Ordnung zu rufen, liesse mich wahrscheinlich langsam aber sicher in Staub und Schwermut versinken. Faulheit zieht Faulheit nach sich. Wer viel schläft ist viel müde. Wer scheisse aussieht macht die Tür nicht auf wenn Besuch kommt. Da beisst der Hund sich doch in den Schwanz.

Eines folgte dem anderen. Am Ende der Vorstellung hätte ich mir dann irgendwann einen Schneidezahn bei Bier öffnen herausgebrochen, welches ich von meiner HartzIV-Zahlung vom vom Pizzataxi kommen liesse. Und natürlich könnte ich mir keinen neuen Zahn leisten. Das Duschgel wäre längst alle und ich dazu übergegangen, mich auf reines Wasser zu beschränken. Wenn nicht grad was gutes im Fernsehen kommt. Die Haare wirkten schön füllig und etwas herausgewachsen. Fettschichten legten sich mit der Zeit sichernd um mich und hielten mich vom umkippen ab. Habt ihr von der Frau gelesen, die jahrelang auf dem Klo saß und um die Schüssel rumgewachsen ist? Das täte ich mit dem Sofa. Spätestens wenn das vollbracht wäre, dann würde ich mich bei Bärbel Schäfer bewerben. Oder bei Frauentausch. Dann würde hier wenigstens mal jemand aufräumen.

Hoffen wir, dass ich noch lange morgens zur U-Bahn traben muss um zur Arbeit zu fahren. Dann kann ich sie auch weiterhin genießen. Die Tage wie diesen.

Und jetzt geh ich duschen. Nur zur Sicherheit.

Montag, Januar 07, 2008

Harte Birnen sind voll fürn Arsch

Volksmündlich gesehen ist es überhaupt nicht erstrebenswert, eine weiche Birne sein eigen zu nennen. Ganz schön doof eigentlich und eine Frage der Sichtweise wie ich finde. Was andere Leute sich so hinters Gesicht stecken, mag mir volks oder unvolksmündlich egal sein. Binemündlich mag ich die weichen Birnen. Süß und saftig, so dass hinterher die Finger und das Gesicht kleben und der Fruchtzuckerschock und die Vitaminspritze die Mundwinkel spontan nach oben ziehen. Reife Birnen sind mindestens so lecker wie frische kühle Ananas wenn es warm ist oder Steckrübeneintopf im Winter. Nur anders.

Harte Birnen hingegen haben den Charme und den Geschmack einer Styroporumverpackung. Sie schmecken ein wenig wie Quitten oder Feuersteine, auch wenn sie etwas leichter zu kauen sind. Harte Birnen schmecken ausschließlich grün und trocken, wobei grün schon wieder ein bißchen zu emotional ist für das, was dann auf der Zunge liegt und so tut, als wäre es ein schmackhaftes Nahrungsmittel. Harte Birnen sind sozusagen ein Obstdummy. Ein Obstplacebo. Schummelobst. Und eine Waffe.

Abgesehen davon, daß man mit einer harten Birne ohne weiteres jemandem den Schädel einschlagen kann, ist sie eine Waffe gegen die Verlotterung, eine Waffe für Disziplin und Konsequenz, die bei mir leider eher weichbirnig ausgeprägt sind. So dachte ich jedenfalls heute Mittag, als ich meiner neuesten Arsch-ab-Strategie folgend nur Obst zu mir nehmen wollte. Nämlich heute eine Riesenbirne in hart. Sonst wär mir das Birnenthema ja wurst.

Als ich das erste Stück Birne aß, blickte ich mich ungläubig an, zeigte mir selbst einen Vogel und stand dann kommentarlos auf, um Schmackhafteres zu suchen. In diesem Moment trat aber die durch die blöde "eine Mahlzeit-durch-Obst-ersetzen-Theorie" geweckte birnenharte Disziplin in meinen Weg und brüllte mich an: Birne oder NIX. Was auf den Tisch kommt, wird gegessen, Birne oder tot, Birne oder hungern. Birne statt Bier! Basta!

Blöde Birne.

Da setzte ich mich erstmal ziemlich erstaunt auf meinen weichen Apfelpo, dass sich da direkt Druckstellen bildeten. So kenn ich mich gar nicht. Und ich komm da gar nicht dran vorbei. Da stand ein Dickkopf, sieht aus wie ne Styroporfrucht mit meinem Gesicht, ist aber hart wie Stein und sagte mir, was ich essen soll. Das ist mir ja seit Jahren nicht mehr passiert. "So ein Arsch", murmelte ich trotzig und das Birnengesicht brüllte: "Genau, der Po, der muss ab, iß die Birne! Nimm dir ein Besispiel an ihr. Bleib hart".

Bei wem sollte ich mich da beschweren. Bei mir? Bei wem sonst? Dann nehm ich mich doch aber nie wieder ernst. Fällt mir eh schwer genug. So hab ich mir also die harte, geschmacklose und nahrhafte Birnenparodie zu Gemüte geführt. Und ich wurde satt. Ohne Geschmacksknospenexplosion und mit zerfurchter Stirn. Aber satt. Herz, was will man mehr? Genuß wird doch überbewertet. Also, mittags. Abends macht Genuß dann nämlich doppelt so viel Spaß. Allein die Phantasie, dieses renitente Miststück Birnenpappe in Gorgonzolasauce hübsch weichzukochen und über Nudeln oder andere Sättigungsbeilagen zu kippen, versüßt mir den Nachmittag. Irgendwann krieg ich sie am Arsch.

Soll keiner sagen, mir würde Disziplin nicht schmecken.

Montag, Dezember 31, 2007

Wirklich schon wieder ein Jahr

Eben wachte ich aus meinem Winterschlaf kurz auf, weil mein Unterbewußtsein mit großem Enthusiasmus und erstaunlicher Textsicherheit, gepaart mit der obersten Lautstärke, die man mit seinen eigenen Gedanken im Kopf zu erreichen vermag, ein Liedchen gröhlte.

Von Reinhard Mey, bei dem ich den Text jetzt eben schamlos mopste in der Hoffnung, dass er mir den Diebstahl gutmütig abnickt:

Ist das schon so lange her?
Wirklich schon wieder ein Jahr?
Noch weht mir der Wind von der See her entgegen,
Noch finde ich Sand in meinen Hosenumschlägen
Und Dünengras in meinem Haar,
Spür‘ auf den Lippen das Meer;
Wirklich schon wieder ein Jahr?

Wirklich schon wieder ein Jahr?
Ist es schon wieder so spät?
Mir taut noch der Vorjahrsschnee von meiner Mütze,
Um meine Schuhe entsteht eine Pfütze
Auf dem gewachsten Parkett,
Werd‘ ich den Winter gewahr.
Wirklich schon wieder ein Jahr?

Wirklich schon wieder ein Jahr?
Ist also morgen schon heut?
Noch schwirren vom vorigen Sommer die Mücken
Um meinen Kopf, meine Finger zerpflücken
Akazienblätter zerstreut:
Ein wenig, von Herzen ... ist‘s wahr?
Wirklich schon wieder ein Jahr?
Die Tage hab‘ ich nicht gezählt.
Noch raschelt verwelktes Laub unter den Schritten,
Im vorigen Herbst von der Hecke geschnitten.
Noch glimmt Erntefeuer im Feld,
Flammenlos, kaum wahrnehmbar.

Bin immer noch der ich war,
Erwachsener werd‘ ich wohl nicht.
Ich hab‘ einen Jahresring mehr wie die Bäume,
Eine dickere Rinde, ein paar neue Träume.
Und Lachfalten mehr im Gesicht.
Wirklich schon wieder ein Jahr?

Wirklich schon wieder ein Jahr!


Ich habe nämlich einmal gelesen, daß das Unterbewußtsein einen erst mit einem Ohrwurm in Ruhe läßt, wenn man das Lied einmal ganz durchgesungen hat. Das sei hiermit getan.

Und weil es gerade passt und natürlich nicht ganz unabsichtlich, wünsche ich jedem von Euch für 2008 so viel Gutes, wie grad noch zu ertragen ist und so wenig Schlechtes, dass ihr am Ende des neuen Jahres zurückschaut und denkt: "Huch? Schon wieder vorbei? Schade. Das war ein gutes Jahr."

In diesem Sinne. Rutscht gut rein.

Montag, November 26, 2007

Winterschlaf

Nein, keine Schreibblockade und auch sonst bewegt sich alles im grünen Bereich. Ich bin auch nicht plötzlich erblindet und mein Computer ist auch nicht kaputt. Ich bin nur müde. Akut blogmüde.

Wintermüde. Weihnachtsmüde. Und wenn mir jetzt noch ein Müde mit "W" einfallen würde, könnte ich noch extrem originell auf www-müde ableiten.

Sobald ich wieder wach bin, meld ich mich.

Aber eine Frage hab ich noch. So kurz vorm Frühjahrsputz: Hand aufs Herz, wie oft wischt ihr euren Fußboden feucht auf? Leser mit Teppichboden sind von der Beantwortung der Frage befreit.

Donnerstag, November 15, 2007

Bibber

Jungejunge, das wird ganz schön kalt hier in Deutschlands Norden. Nach dem Piescherwinter vom letzten Jahr - doch Leute, nach Kalender war das Winter, auch wenns nur zwei Mal kurz ein wenig schneite und sich sonst die fröhlichen zehn Grad hielten - sind wir ja überhaupt nichts mehr gewöhnt. Was sich jetzt temperaturmäßig langsam eingrooved, läßt mich dann doch anfangen, etwas panisch hinten im Schrank, unterm Bett und in allen Ecken meine Mütze zu suchen. Handschuhe hatte ich auch mal. Und da war doch auch irgendwann mal ein vernünftiger Schal. Nicht nur dieser Polyesterschlauch, bei dem ich anfange Funken zu sprühen, sobald ich irgendwo anfasse. Wollpullis. Ich brauch Wollpullis. Und Strumpfhosen. Die von früher. In warm und rot und peinlich. Heute ist mir nix mehr peinlich. Heute will ich nicht frieren.

Mein morgendliches Bedürfnis nach warmer Kleidung entspricht eher dem Aufbruch einer Polarexpedition, als dem Gang zur Ubahn zur Fahrt in die Bank. Noch halb müde hier vor meinem Kaffee sitzend, wünschte ich, ich könnte ich mich so lange anziehen, bis ein großer warmer Textilball mich verhüllte und ich, mich mittels Nordic-Walking-Stöcken antreibend, zur UBahn rollen könnte. Einziges Problem: Meine Haustür. Da geh ich dann nicht mehr durch. Und Nordic-Walking-Stöcke. Die hab ich auch nicht.

Eigentlich aber schon toll, die Möglichkeit zu frieren. Und natürlich gegen dieses Frieren etwas tun zu können. Anziehen zum Beispiel. Oder? Stellt euch mal vor, es wäre andersrum. Stellt euch mal vor, ihr wäret wie die Finnen, denen man ja nachsagt, bei minus 10 Grad schließen sie vielleicht mal das Fenster und ziehen sich was an. Aber ich mutmaße, das liegt eher am Wodka. Oder Elchschnaps. Oder was immer die da trinken. Die Finnen.

Kälte kann man mit Verpackung draußen halten. Hitze nicht wirklich. Anziehen kann man fast unbegrenzt. Beim Ausziehen gibts dabei logistische Schwierigkeiten. Da ist irgendwann Schluß.

Wenn der Gefrierpunkt schon als "warm" wahrgenommen würde, dann würde man bei Kühlschranktemperaturen von acht (?) Grad schon im T-Shirt vorm Fernseher sitzen und heimlich mit dem einem Fuß die Socke vom anderen prokeln weils so warm ist, das dieser schon im eigenen Saft den Freischwimmer übt. Heimlich, weil man ja nicht als Weichpupe dastehen möchte, die ein wenig Wärme nicht erträgt. Dann gäbe es Sprüche wie: Naja, die Frauen. Die haben halt ständig warme Füße. Das liegt irgendwie an der Körperfettverteiltung. Da gibts Studien zu.

Naja. Bei zehn Grad plus hechelnd im Schatten in einem Kinderplantschbecken sitzen müssen und sich mit alten LP-Hüllen kühle Luft zufächeln, erscheint mir auf alle Fälle nicht sehr reizvoll in einem Breitengrad, der auch locker mal auf 30 hochdreht. Wahrscheinlich würde man ab 20 Grad schon anfangen, sich kühle Wohnlöcher in den Garten zu buddeln oder sich mit nasser Erde bewerfen wie die Elefanten.

Eine Lösung für Zivilisierte gäbe es auch: Man könnte nach Ägypten ziehen. Wie, da ist es noch wärmer? Neeeheee. Ich erinnere mich dunkel, daß die Ägypter den Drang verspüren, ihre Nilkreuzfahrtpassagiere tiefzukühlen. Ein Urlaub, in dem ich jeden abend um neun ins Bett ging, weil das der einzige Ort auf dem Boot war, wo meine Zehen nicht blau anliefen und ich feststellen konnte, dass das Zittern nicht vom Motorenstampfen kommt.

Eine weitere Möglichkeit gegen das Frieren ist natürlich Sport. Entgegen meiner üblichen Gepflogenheiten, habe ich gestern abend meinen Astra-Leib in diverse Sporthosenpellen gezwängt und war mit ein paar Freunden im Stadtpark joggen. Im dunklen kann man nämlich ungehemmt keuchen, schwitzen und rot anlaufen. Das sieht keiner. Stockeduster da. Ich konnte ungestört laufen und niemand wollte mich reanimieren oder mir Holzkeile in den Mund stecken für den Fall, daß mein leicht angestrengter Gesichtsausdruck Folge eines epileptischen Anfalls ist. Das war sehr entspannt.

Als ich gücklich nach Hause schlenderte, weil ich mithalten konnte und nicht unterwegs vor lauter Anstrengung brechen mußte, war mir immer noch so wohlig warm von der Rennerei, daß ich wenig Verständnis für die mir entgegenkommenden Zittermädchen hatte, die die niedrigen Temperaturen beklagten.

Jetzt, nachdem ich eben etwas lüftete, versteh ich sie wieder.

Ich schmeiß mich jetzt in meine lange Unterhose, also unter anderem, und hoffe, daß die Bank mir heute wieder kräftig einheizt.

Aloha.

Sonntag, November 11, 2007

Im Stadion

Fan 1 (gröhlt): Möööönsch, nicht immer durch die Middääääh, von aussn mussuuh!

Fan 2 zu Fan 1: Eigentlich heissas ja aba "ab durch die Middäh", ne?

Fan 1 zu Fan 2: Stimmt auch, hier mussa aba von aussn. Und nich durch die Middäh.

Fan 2 (nach einer kleinen Pause): "Ab durch von aussn" klingt aber irgendwie komisch.

Mittwoch, November 07, 2007

Es geht weiter

Jeden Tag ging es weiter und wir gingen auch. Ich bin jetzt grad gedanklich einmal wieder kurz in den metamorphorischen Keller gegangen, um ein wenig in meinen Erinnerungen zu kramen und Euch daran teilhaben zu lassen. Oh, ein Morgenbild. Einer der Gründe zum aufstehen und losgehen...


...und muß jetzt doch mal eben die alte Fotokoste noch einmal wieder beiseite schieben Was habe ich grad geschrieben? Metamorphorisch? Klingt im Grunde richtig. Sieht auch richtig geschrieben aus. Hört sich intellektuell und gebildet an. Aber was zum Geier heißt das eigentlich? Die kurze Bedeutung meine ich. Nicht die, bei der man eine halbe Stunde erklärt und dabei mit den Armen wedelt.

Da benutzt man den ganzen Tag lustige Worte und weiß gar nicht, was sie bedeuten. Wenn ich Kinder hätte, hätten die bestimmt auch schon ganz schön Pisa.

Also frischauf gegoogled. Heutzutage muß man ja eigentlich nix mehr wissen, man muß nur noch wissen, wo alles steht. Und alles steht im Computer (Wie eine Kollegin früher immer zu den Kunden am Telefon sagte: Kleinen Moment, ich geh ma ebm im Compjuta). Was heißt das jetzt? Hmmmm (blättert)...hmhmmmm. Hm. Tja. Weißnich. Metamorphorisch steht nichts im Computer. In irgendeinem Forum behauptet jemand, es bedeutet "auf die Verwandlung bezogen". Versteh ich nicht. Auf Anhieb ist keine befriedigende Erklärung und Definition zu finden. Helft ihr mir?

Und bis jemand vorbeikommt und mich mit dem Füllhorn der Weisheit überschüttet, muß ich es halt anders sagen. Was wollte ich eigentlich sagen? Mir erklärte unlängst jemand, daß es beim Fengshuiaufräumen (wasesnichtallesgibt) auch wichtig ist, den Keller und den Dachboden zu entrümpeln, weil der Keller die Vergangenheit symbolisiert und der Dachboden die Zukunft. Und egal wo, man möchte sich doch wirklich ungern an altem Müll neue Wunden reissen. Entweder, weils einem beim Weg voran auf dem Dachboden im Weg steht oder beim Suchen von lieben Erinnerungsfotokästen im Keller bösartig vom Regal auf den Hinterkopf fällt.

Also, ich meinte meinen Kopfkeller. Den symbolischen. Den amorphen, weil er nämlich aussieht wie ein Kopf und nicht wie ein Keller. Meistens zumindest. So wie ein Schnitzel auch nicht mehr aussieht wie ein Schwein. Nee, stimmt gar nicht. Mein Kopf hat ja noch nie ausgesehen wie ein Keller. Im Gegensatz zum Schnitzel..aber ich fange an zu faseln.

Mein sonst auch nicht sehr hilfreiches Buch "Fremdwörter für Angeber" kennt den Begriff "Metamorph" auch nicht. Dafür aber das Wort "Taumatawhakatangihangakouaotamateaturipukakapikimaungahoronu-
kupokaiwhenuakitanatahu" Es handelt sich hierbei um den längsten Ortsnamen der Welt und gehört einem 271 Meter hohen Hügel auf der Nordinsel von Neuseeland. Übersetzt bedeutet das übrigens auf Maori: "Der Felsgipfel, wo Tamatea, der Mann mit dem dicken Knie, der die Berge hinunterrutschte hinaufkletterte und verschlang, bekannt als der Landfresser, seiner Geliebten auf der Flöte vorspielte." Merkt euch das.

Falls irgendein dickes Knie mir auf der Flöte vorspielen möchte, ich hab hier irgendwo noch so ne alte Altflöte rumliegen. Nur zu. Und dieses dicke Knie bringt mich jetzt ohne Flöte wieder auf den Jakobsweg zurück. Wenn ich der dicke Knöchel war auf dem Weg, dann war das dicke Knie ohne Flöte der Horst:


Der Ärmste lief nämlich wirklich eine sehr lange Zeit mit verknackstem Knie und dem Eisbeutel im Anschlag. Ohne sich davon die Laune vermiesen zu lassen. Das fand ich ziemlich beeindruckend, weil das mit Sicherheit üble Schmerzen waren.

Aber körperliches Leid ist durchaus mit körperlichen Freuden wie Essen und Schlafen zu kompensieren. Hier zu dem Themen noch ein paar Impressionen:


Neinneinnein, das war nur die Ausnahme. Wir sahen nur ein einziges Klo dieser Baureihe. Die anderen Aborte waren durchaus eher den körperlichen Freuden zuzuordnen.



Der Schlafraum in La Faba. Sieht etwas abgeplatzt aus, nicht wahr? Aber man darf sich nicht so sehr von dem abgestoßenen Äußeren abschrecken lassen. Da würde doch in unserem Alter auch keiner mehr mit uns sprechen. Die Betten waren recht bequem und es hat nur einer geschnarcht. Zuvor gab es ein großes gemeinschaftlich verbrochenes Essen:







So muss es aussehen, wenn man "satt und zufrieden" denkt, oder?

Hier nun der Ort, an dem wir während des Beitrages "Bergab ist scheisse" nächtigten. Durchaus kultiviert mit ein bißchen zu viel Wein.






An einem Tag typisches Jugendherbergsambiente...


...am anderen Fincaurlaub in Spanien:





Da war wirklich für jeden was dabei. Und alles völlig unmorph...

Dienstag, Oktober 30, 2007

Evelyn ist tot

Ich bin traurig.

Evelyn ist nicht mehr. 65 Jahre ist sie nur geworden.

Eine Frau, die mich in einer sehr langen Ära meines Lebens begleitete und sich tief in mein Herz gefressen hat. Noch heute nerve ich mein Umfeld mit stundenlangem rezitieren von Loriot-Sketchen und -filmen. Und natürlich ist sie meistens Teil davon. Niemand konnte so schön wütend sein wie Renate Lohse, so schön verwirrt bei größtmöglichem Kompetenzerhalt wie Margarethe Tietze, niemand sich so herrlich hanseatisch zurückhaltend dem Liebesakt widmend wie Fräulein Renate Dinkel (Sie machen mich ganz verrückt, Herr Melzer).

Frau Hamann war für mich eines der letzten Bollwerke gegen die Internationalisierung des Deutschen Fernsehens. Es ging in ihren Filmen und Serien nie um Mainstream. Nie um Härterschnellerbesser. Es waren einfache und klare kleine Bonmonts, ohne daß Eingeweide irgendwo herumfliegen, ohne dramatische Musik, ohne diesen lauten Humor. Na gut, als sie in "Evelyn und ihre Männer" mit einem Grünrock im Wald liegt und er ihr anhand des Geschmackes eine Hirschlosung nahebringt, fand ich das auch laut ziemlich komisch. Sie perfektionierte ein bestimmtes Frauenbild, welches irgendwo zwischen alten Werten und überzogener Emanzipation mittig feststeckte und sprach damit bestimmt einer ganzen Generation aus der Seele.

Die grande Dame des leisen Humors ist gestorben. Zurück bleiben die Talkshows, die Comedys, die Bohlens, die Supermodels und Geklontes aus der ganzen Welt.

Nu isse weg. Wie sagte Loriot bei Beckmann: "Liebe Evelyn, Dein Timing war immer perfekt, nur heute hast Du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte".

Ich habe dem kaum etwas hinzuzufügen. Sie hopst jetzt eben wo sie will. Höchstens noch einen Hinweis Für Petrus Halmackenreuther: "Wenn meine Frau aufwacht, nimmt sie gerne einen Tee und etwas Gebäck". Hoffentlich hat er dran gedacht.

Samstag, Oktober 27, 2007

Einzelgedanken, zusammenhanglos

- Wenn man auf dem Weg zum Edeka seines Vertrauens auf den Boden vor den Füßen schaut, einen Käfer erspäht und dann denkt: "Oh ein Igel", darf man sich bestimmt ernsthafte Gedanken über die Beschaffenheit des eigenen Gehirns machen.

- Ist Euch schon mal aufgefallen, daß man inhouse physikalisch ganz anders läuft als draussen? Bestimmt. Aus keinem anderen Grund kauft man sich ja doch das eine oder andere Mal zu enge oder unbequeme Schuhe. Weil sie beim Inhouseschlendern im Laden nämlich noch super passen, draussen aber wadenkrampffördernd Blasen schubbern. Zu Hause kann ich schon wieder richtig gut laufen. Fast tanzen. Fast. Der Weg zum Edeka meines Vertrauens war heute aber mindestens dreissig Kilometer lang. Ich hatte das Gefühl, ich würde schneller vorankommen, wenn ich rückwärts ginge. Also, draussen wieder krückig.

- Wer eine Flasche guten Kirschwassereierlikör im Kühlschrank stehen hat, darf nicht das Wort "Kühlschrank" denken, weil sich dadurch die Flasche von alleine leert.

- Eierlikör sollte in 2-Liter-Flaschen vertrieben werden. Nicht in den albernen 0,7 l-Kinderflaschen.

- Wenn in einem Rezept steht, man solle drei Eßlöffel Erdnussbutter beifügen, dann schmeckt hinterher das Essen so, als hätte man Erdnussbutter warmgemacht und für die Zähne einfach geschmacksneutrale Brocken von irgendwas beigefügt. Oder Erdnüsse.

- Nächstes Mal geh ich in Badelatschen zum Edeka. Die sind mein Freund.

- Alle regen sich über die, zugegebenermaßen auch nicht in meinem bevorzugten Erfahrungshorizont befindlichen Promi-Pilger auf. Aber über sowas motzt noch keiner. Ich finde die Idee sehr schön, daß auf dem Weg Führungskräfte angeblich lernen sollen sich selbst zu führen, während irgendein Hiwi dafür zuständig ist, daß Bigboss abends ein warmes Bettchen gemacht bekommt und sogar dafür, daß er Gesellschaft hat. Ich frag mich jetzt, wie das geht. Ruft Bigboss jeden morgen bei Hiwi an und sagt, wie weit er zu gehen gedenkt, muß er vorher einen Zeitplan ausarbeiten und sich dann dran halten, weil er sonst in die Refugien muss? Kriegt dann der Hiwi Ärger? Das wär ja logisch. Muß er sein Gepäck selbst tragen? Oder muß er es sozusagen als Assessement-Center schaffen, während des Weges ein Team zusammenzustellen, die ihm das Gepäck tragen und wechselweise den Hintern abwischen. Was macht jemanden, der sich auf dem Jakobsweg supporten lassen muss, zu einer besseren Führungskraft? Oh, ein Igel.

- Lustig finde ich auch, daß der Anbieter eine wichtige Führungskraft zu sein scheint. Also zu wollen, äh, scheint, und gleichzeitig so aussieht, als hätte er grad erst die Bundeswehr hinter sich gebracht. Beneidenswert diese Jugend. Natürlich bin ich nur neidisch.

- Bis heute dachte ich immer, "Freelancer" wäre etwas mit Grafik und Computern. Kann man mal sehen. Aber ich dachte ja auch noch bis vor ein paar Jahren, "absorbieren" bedeutet "abstoßen". Es sind ja diese kleinen Unzulänglichkeiten, die liebenswert machen. Nech?

- Ich glaub, ich werfe jetzt meinen Fernseher weg. Nach der englischen Talentsuche, bei welcher dieser Paul Potts, oder wie der hieß, als Tenor eine Arie sang und damit beeindruckte, haben die deutschen Fernsehmacher keine Kosten und Mühen gescheut, auch für "das Supertalent" einen unattraktiven Gutsinger mit Opernanbietionen aufzutreiben. Nur damit es in Deutschland den gleichen Überraschungs(gähn)effekt geben kann. Wie scheiße ist das denn? Macht da bei den Flimmerkisten überhaupt noch jemand was selbst? In Spanien hab ich im Hotelzimmer sogar einen spanischen Stefan Raab gesehen. Da wird einem doch ganz anders. Wir werden in unterschiedlichen Sprachen geklont...

- Aaaargh, auch die Kleine-Mädchen-kann-groß-singen-Nummer kommt jetzt, auch die ist aus England vorbelegt. Dass denen das nicht unangenehm ist. Also Jungs, ich würd mich schämen an eurer Stelle. Ich schalte jetzt um. Ich glaub, es gibt auch noch Scary Movie. Die veräppeln ja wenigstens das Original und kopieren es nicht. Oder ich les den neuen Pratchett.

- Igel sind viel größer als Käfer. Meistens.

Freitag, Oktober 26, 2007

Von der Anfängergruppe in die "alte Herren"

Zunächst vorweg: Iiiiich kaaaaaaann wieder laufen!

Yieeeeha. Zwar noch etwas unrund und Drogen sind auch noch nicht gänzlich vom Speiseplan gestrichen, aber ich komm wieder ohne Krücken zum Klo und lauf nicht mehr wie der Glöckner von Notre Dame. Super. "Mein Camino" darf wohl auch langsam enden.

Apropos Camino und Notre Dame. Falls ihr noch Lust habt auf ein paar Fotos, also, an mir solls nicht liegen. Notre Dame...gehen wir kurz noch einmal zu dem einzigen Regentag zurück. Glöckner, Kamel? Man glaubt ja nicht, was so ein Poncho aus einem Menschen machen kann:









Und hier noch ein kleiner Exkurs in Bines Liebesleben. Nachdem ich Meike meinem Verlobten vorstellte, hat es so sehr zwischen den beiden gefunkt, daß ich ihr zuliebe die Verlobung gelöst habe. Er zieht jetzt in die Schweiz. Ich wünsche beiden nur das beste.

Aber zurück auf den Weg. Ich möchte euch doch gern noch unsere nächste Wandergruppe vorstellen, die uns sozusagen wie gerufen kam. Wie ich schon mal andeutete, flogen zwischen Meike und mir anfänglich durchaus auch mal ein paar Fetzen. Typischer Weiberkram. Jetzt einmal abgesehen von uns zwei Süßen ist wohl allgemein bekannt, daß mit typischem Fetzenweiberkram beschäftigte Weiber dazu neigen, sich sehr intensiv mit der Klärung, der Analyse, dem Übelnehmen und der Definition von Situationen zu beschäftigen, daß sie a) ihrem Umfeld damit ganz schön auf den Sack gehen, b) gar nicht mehr aus diesem Beziehungsohrenkram rauskommen (Das sind diese Momente z.B., wo er sagt: Guten Morgen und sie ihn anbrüllt "Koch deinen Kaffee gefälligst selbst, du Arsch") und c) die Situation in keinster Weise klären, sondern sich in einer Katastrophenspirale immer weiter in den Abgrund drehen. Bis einer heult.

So war das bei Meike und mir natürlich nicht, aber es flogen aus hier nicht näher bezeichneten Gründen die Fetzen. Nein, nicht wegen des Verlobten. Aber wie kommt man aus einer Fetzensituation am besten raus? Indem man sie in eine Ecke stellt und sich erstmal mit Menschen umgibt, die nicht fetzenkompatibel sind, Fetzen noch nicht mal erkennen würden, wenn sie sie sehen, also nichts tun, um die Schraube zu unterstützen. Die "Jungs" waren eine unglaublich hilfreiche, angenehme und lustige Gesellschaft und auch Hilfe auf unserem Weg.

Darf ich vorstellen:



Manfred "ich träum hier immer einen Scheiß zusammen", oder wie ich ihn insgeheim nannte, der Almöhi. Immer vorneweg mit Düsenantrieb und netten Geschichten aus dem Leben.


Ludwig, der Marathonman. Hochleistungssportler, auch mit Düsenantrieb, welcher sich anfänglich jedoch hinter einer Erkältung versteckte. Auskuriert sah man ihn zumeist am Horizont verschwinden.



Jürgen, ein Sonnenschein mit klasse Wortwitz (Gut, wir sind irre. Aber bei normalem Aussehen) und einem schwer vereiterten Zeh, den wir zwischendurch am liebsten irgendwo angebunden hätten um ihn zur Pause zu zwingen. Also Jürgen. Nicht den Zeh. Die wollten sich nicht trennen. Doch solche Mütterlichkeiten kann man sich wohl schenken. Er kam natürlich gut an und ich hoffe, daß es seinem Fuß wieder fabelhaft geht.

Und last, but not least



Jupp "Ich weiß auch nicht warum, Kinder und Hunde kommen ständig zu mir". Mit einer orthopädischen Meisterleistung als Gepäck, der Beharrlichkeit einer Wanderdüne und einem Riesenschalk im Nacken.

Jungs, uns hätte echt nichts besseres passieren können. Das war ne klasse Zeit mit euch. Wie von selbst lösten sich die vorher mit Meike angestoßenen Knoten, wie von selbst hatten wir auf einmal ein gleiches Tempo, wie von selbst war mit einem mal klar was wir wollen und wir hatten völlig unstressig mit einem Mal einfach eine gute Zeit und unglaublich viel Spaß miteinander. Warum? Keine Ahnung. Aber es hat funktioniert.

In diese Zeit fällt übrigens auch der Pfannkuchen, auf den ich ja noch kommen wollte. Meine Wünsche ans Universum verpufften ja zumeist ungehört. Entweder wünsche ich nicht richtig, die falschen Wünsche oder der diensthabende Wunscherfüller ist grad in der Pinkelpause. Bei Meike klappte das dafür umso besser.

Eines morgens beim Frühstück murmelte sie vor sich hin. Hmm, heute hätte ich total Lust, Pfannkuchen zu essen. Gefolgt von resigniertem Seufzen und gemeinschaftlichem Loslatschen.

Gegen Mittag passierten wir eines der weitverbreiteten Kuhscheissedörfer in den Hügeln ("Wer es schafft, heute nicht in Kuhfladen zu treten, hat gewonnen". Es gewann nie jemand. Diese Landminen sind da flächendeckend ausgelegt) . Mit einem mal trat eine kleine Hutzelfrau, die leider nicht fotografiert werden wollte, um die Ecke und trug....geeenau: Einen Teller mit Pfannkuchen und eine Schüttelbuchse mit Zucker.

Das war wirklich kaum zu glauben. Und lecker.

Mittwoch, Oktober 24, 2007

Mobbeltour

Sollte ich übrigens in der Planung für den Jakobsweg solch schnöde weltliche Wünsche wie "Gewichtverlust" irgendwo auf der Prioritätenliste genannt haben, tut mir das leid. ES TUT MIR LAAAHAID, WIR KÖNNEN JETZT AUFHÖREN ZU SPIELEN...

Sollte ich Hoffnungen dahingehend gehegt haben, sind diese in keinster Weise erfüllt worden. Nach zwei Wochen wandern sollte man da wohl nicht allzuviel erwarten. Was? Ihr meint, man kann doch nicht gute 350 km mit allen Umwegen durch Spanien latschen und dabei kein Kilo verlieren? Das meinte ich auch. Geht aber. Eigentlich bin ich sogar gewachsen. Neue Muskulatur schiebt das vorhandene Fettgebimsel hübsch in die äußeren Regionen. Und weil ich jetzt ja fröhlich auf Krücken unterwegs bin, ist ein Halten der Muskulatur, auf dass sie zukünftig tüchtig verbrenne, auch fürn Arsch.

Diesen hier nämlich:


Eigentlich wollten wir den täglich fotografieren und dann ein Daumenkino daraus basteln. Zum Glück haben wir das nicht gemacht. Sonst würde ich jetzt nämlich zusätzlich zu den ganzen Diclos, die ich in mich reinschaufel, auch noch Antidepressiva benötigen.

Auf dem Weg aus Leon raus haben Meike und ich also die korrekte Überschrift für unsere kleine Wanderung bereits gesehen:



Naja, ich bin in dick zum Glück auch toll.

Apropos "toll": Gestern hatte ich die seltene Gelegenheit, im morgendlichen Achtuhrflieger von Hamburg nach Frankfurt sitzen zu dürfen. Alter Schwede, da ist ja vielleicht eine heilige Schlipsstimmung drin. Manman. Alle wichtig, alle am Laptoppen was das Zeug hält, alle stylisch...und ich dazwischen mit Krücken, Jeans und Terry Pratchett. Ich kam mir vor wie ein Türkeiurlauber, der sich verlaufen hat.

Achtuhrfrankfurtflieger bestellen sich übrigens auch keinen Tomatensaft, sondern einen Kaffee und ein "stilles Wasser". Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wieso mich dieses "stille Wasser" so amüsiert. Aber ich bin schon wieder am kichern. Ich glaube, außer öffentlich häkeln gibt es kaum etwas unmännlicheres, als "stilles Wasser" bestellen.

Falls ich jetzt jemandem auf den Schlips trat, der kann mich auch mal. Siehe oben.

Montag, Oktober 22, 2007

Schön was?

Meistens habe ich beim wandern schon den Blick auf die zwei Quadrameter vor meinen Füßen geheftet. Ist nämlich ziemlich steinig da unten in Spanien. Und ich wollte ungern umknicken oder irgendwo runterfallen. Dass man sich den Fuß auch durch bloßen Gebrauch ruinieren kann, hätte ich da noch nicht erwartet. Doch zurück zum Blick: Manchmal zwischendurch, wenn ich die Augenlider anlüpfte, zum Glück doch recht oft, hätte ich mich auf der Stelle hinsetzen und nur noch mit offenem Mund staunen können. Hier ein paar Beispiele.












Samstag, Oktober 20, 2007

Anker in den Bergen

Wie schnell einen die Zivilisation und das normale Leben doch wieder einholt. In meiner Wohnung stehen überall leere Bierdosen und Esspappen vom Chinamann. Wann sind die denn gewachsen?
Ich hab gut und lange geschlafen und sitze jetzt - wie an einem ganz normalen Samstag auch - kaffeetrinkenderweise vorm PC.

Ein Anker. Ich brauche einen Anker, damit sich der Jakobsweg nicht allzu schnell wieder verflüchtigt. Mit einem Mal ist alles wieder normal und man denkt nur noch beiläufig an einen reizenden Wanderurlaub? Naja gut, so eilig ist das noch gar nicht. Diese sympatisch schrullige Eigenart, an Krücken zu laufen, habe ich mir ja auch von dort mitgebracht. Und so wie es sich anfühlt, werde ich das wohl auch noch ein paar Tage durchziehen.

Und für den Fall, dass mich der Alltag irgendwann einholt, habe ich mir ein paar Kacheln mitgebracht, auf denen die Richtungspfeile und die Richtungsmuschel zu sehen sind. Wie ich schon mal schrieb, wer ein solches Symbol auf dem Weg vor sich sieht, der weiss, dass er auf dem richtigen Weg ist, dass er sich nicht verlaufen hat, dass er nicht verlorenging. Ich halte dieses Gefühl für ein außergewöhnlich beruhigendes und werde das auch gerne weiter haben, wenn ich die kleinen Kachelchen anschau.

Die Schmetterlinge, die Hape als typisch für den richtigen Weg (stimmt übrigens) sieht, sind mir im Gepäck nämlich alle zerbröselt.

Nein liebe Kinder, ich habe mir natürlich keine Schmetterlinge aus Spanien mitgebracht. Die sind ja nicht sehr handzahm die Biester. Realistischer wäre die Mitnahme von Wanzen oder Flöhen gewesen. Hier sehen wir zum Beispiel Meike auf einem Bett, welches sie zu der Zeit bereits ohne ihr Wissen mit Wanzen teilte:


So sah ihr Bein zumindest hinterher aus. Ein wenig gepunktet. Und Mitschläfer hatten am nächsten Morgen ähnliche Muster vorzuweisen. Ich hatte Glück und blieb verschont. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt auch schon genug damit zu tun, daß ich an allen Ecken kaputtging. Das wär gemein gewesen, mich auch noch mit Wanzen zu überziehen.

Da denkt man doch direkt an Tucholsky:

Ich geh mit meinen Wanzen schlafen,
rotbraun und platt.
Quartiert bin ich bei einem Grafen,
der viele hat.

Des Nachts, wenn alle Sterne funkeln,
dann ziehen still
die fleißigen Scharen hin im Dunkeln
wie Gott es will.

Sie kommen aus den schmalen Ritzen,
aus dem Parkett;
die feinern aber fastend sitzen
des Tags im Bett.

Sie pieken mich. Es schwillt zu riesigen
Fleischklümpchen an, was sie gepackt;
das macht die Beißekunst der Hiesigen -
die sind exakt.

Sie pieken mich. Es juckt. Zum Glück
ist morgen alles wieder rein.
Und wenn ich eine sanft zerdrücke,
gedenk ich dein.


Reizend nicht? Wie auch immer. Wir hörten dann und wann von Problemen mit derlei Tierchen. Die Alberguen wurden dann auch geschlossen und gereinigt wenn es bekannt wurde. Vielleicht nicht jede, aber wir hörten von welchen. Ansonsten muß ich jetzt mal eine Lanze brechen. Wir hatten eigentlich am Anfang des Urlaubs vor, auch eher Hostels und Pensionen zu nutzen, weil überall so furchtbare Geschichten über die Refugien kursieren. Und wir haben uns umentschlossen. Einzwei Luxushoteltage haben wir uns gegönnt, aber ansonsten waren wir mit der Herde im Stall.

Die meisten Refugien in denen wir waren, waren angenehm. Nicht hygienisch rein, nicht luxuriös, aber guter Jugendherbergsstandard, manchmal weit drüberliegend, manchmal leicht drunter. So richtige Kotznächte hatten wir nicht. Natürlich gab es auch mal Refugien, in denen man - meist überraschenderweise - sein Klopapier selbst mitbringen musste, und auch welche, in denen eine schöne, große saubere Küche vorhanden war, in deren Schränken allerdings gar nix lag. Kein Geschirr, kein Besteck, keine Töpfe. Das hätte wohl die Ordnung gestört und die Pilger zum kochen gereizt. Gehtjanicht.

Aber all das war gut zu ertragen. Auch die Schnarcherei des Nachts. Oropax ist toll und wenn man aus Notwehr selbst beginnt zu schnarchen, wie ich es tat wie man mir sagte, schläft man gut durch. Vom eigenen schnarchen wacht man ja nicht auf. Knickknack, weissbescheid?

Apropos knickknack...da kann einem schon ganz schön das Adrenalin hinter die Ohren schießen, wenn man in einem unteren Stockbett liegt, welches knarrt wie ein Seelenverkäufer kurz vorm sinken, über einem im Bett liegt ein nahezu zwei Meter großer Norbert, und dann sieht man, daß diverse Lattenrostbretter unter seinem Po schon längst von anderen Pilgern durchgebrochen wurden. Wenn man dann morgens gesund und munter auffwacht, rückt man gleich ein wenig näher an den Glauben ran.

So, und jetzt noch ein paar Fotos von den nächsten Tagen. Langsam sieht man schon, daß sich die langweilige Landschaft etwas sanfter hügeliger gestaltete. Und spätestens nach dem Cruz de Ferro war es so unsagbar schön, dass mir immer noch der Atem stockt wenn ich nur die Bilder sehe. Ich fang erstmal an:



Mit Schneewittchen vor den sieben Bergen. Ohne Zwerge.

Überall am ganzen Weg finden sich Trinkwasserbrunnen. Gut, nicht überall, aber in ausreichender Menge. Wer auf dem Weg austrocknet, ist ein Depp.


Das Ziel am Tag Nr. 3. Kurz vorm Cruz de Ferro, zu dem es von Foncebadon nur noch eine knappe halbe Stunde Aufstieg sind. Wir gingen zum Sonnenaufgang. Hier ein erster Eindruck, mehr dann in einem nächsten Artikel.

Freitag, Oktober 19, 2007

Darf ich vorstellen...Tag 1 und 2

Darf ich zunächst einmal vorstellen: Mein neuer Freund. Er lebt in Leon, aber sobald er kann, wird er nach Deutschland kommen und wir werden heiraten.


Da er mich leider nicht begleiten konnte, gingen Meike und ich erst alleine weiter. Ungefähr acht Kilometer. Dann bildete sich bereits unsere Anfängergruppe. Die beste Anfängergruppe, die man sich vorstellen kann. Wir trafen uns beim Apfelklau und zogen und schoben uns ab dort, kurz nach Leon, gegenseitig bis Astorga, wo wir uns leider wieder lassen mussten. "Eine gute Zeit und Nudelsalat" könnte man sagen, würde man mit Nicolson reden. Gute Gespräche, viel Spass, das finden eines Tritts und - für mich sehr wichtig - das gegenseitige kompensieren des Gefühles, "neu" zu sein. "Neu" in eine Klasse zu kommen. In eine Klasse, die bereits seit 500 KM zusammen läuft. Mädels, das war klasse.

Hier nun also Martha, welcher hoffentlich bereits Füße nachgewachsen sind. Auf dem Bild mal als Zenzi.



Dann die Frau, bei derem Anblick ich sofort an Gitte Haenning in jünger denken musste. Zum einen wegen der Haare und wegen der sehr ähnlichen Gesichtszüge, und zum anderen wegen der herzlichen fröhlichen Art. Darf ich vorstellen, Christine:



Und natürlich, last, but not least, für diejenigen, die sie noch nicht kennen, hier mein liebes Schwesterlein. Auch ein Foto aus der Anfängergruppe. Da sie ein bevorzugtes Motiv war von mir, taucht sie sicher später noch diverse Male auf:



Und natürlich nicht zu vergessen, Schneewittchen, wie sie auf unseren letzten Schritten als Beginner kurz vor Astorga manifestierte.



Mit der Tüte voll von Äpfeln, wie es sich gehört.

Hier nun noch ein paar Impressionen vom Weg. Der zweite Tag war übrigens der einzige, an dem es während der ganzen Zeit geregnet hat.


Ein typischer Kirchturm in Spanien. Genauer gesagt in Villar de Mazarife. Störche hats da ne Menge. Allerdings war "Sex auf dem Jakobsweg" nicht unser Thema, deswegen konnten sie uns nichts anhaben.



Das ist ein typischer Wegweiser. Wer einen solchen Stein vor sich sieht, ist nicht verlorengegangen.



Hier Meikes Nieselregenausrüstung. Topaktuell und leicht in der Handhabung.



Hier die gleiche Meike mit einem neuen Freund, der am Wegesrand stand. Dieses Mal gekleidet in die hochaktuelle Kameloptik. Das Wetter hat uns übrigens ziemlich gepfoppt an dem Tag. Erst regnete es. Ein wenig. Wir ignorierten das Wasser von oben. Dann wurde es mehr. Wir pfriemelten die Ponchos heraus, kleideten uns umständlich an, und - zack - hörte es auf zu regnen. Wir kleideten uns umständlich wieder aus.... und - zack - fing es wieder an. Undsoweiterundsofort. Wir hätten den ganzen Tag mit be- und entkleiden zubringen können. Und im Grunde war es völlig schippe, ob wir die Regenkleidung trugen. Gut, der Rucksack blieb trocken. Das war wichtig. Aber wir selbst haben in der Klamotte so dermaßen geschwitzt, daß es drinnen nasser war als draussen.

Nächstes Mal gibts einfach nur eine Rucksackhülle und einen Regenhut. Auf der Wanderung gab es jetzt kein zweites Mal. Das Wetter blieb uns ab dort gewogen.



Kreuze sind auf dem Weg keine Seltenheit.



Ortschaften manchmal schon eher. Diese hier war wirklich schön. Hospital d Orbigo. Oder so. Da ich keinen Reiseführer besitze, habe ich bislang glaube ich jeden Ortsnamen falsch geschrieben. Aber wurst. Grob werde ihr das auf einer Karte finden können. Betrachtet es einfach als Herausforderung.




Hier nun die landschaftliche Entsprechung von Zilles "Jejend, nüscht wie Jejend". Wenn ihr genau hinschaut, seht ihr am Horizont schon die Hügelchen, über die wir noch klettern mussten. Dazu dann aber später.


Kurz vor Astorga. Ziel erreicht, Versetzung nicht gefährdet. Danke, Mädels, war klasse.

Donnerstag, Oktober 18, 2007

Positiv denken!

Als ich heulend in der Kirche saß, habe ich natürlich nach alter Manier versucht, mich mittels neutraler oder wenig melancholischer Gedanken von der Heulerei abzubringen. Das hat leider nicht geklappt, weil der Wasserhahn hinter den Augen ausnahmsweise nicht gedankensteuerbar war. Allerdings mußte ich bei zwei Gelegenheiten trotz des Geflennes zusätzlich kräftig lachen. Nämlich, als ich zum einen anfing, mir die Messe, von der ich ja kein Wort verstand (spanisch, nech?), simultan übersetzte mit: "Und dann nehmen sie zwei Eier und schlagen diese mit etwas Butter schaumig", und zum anderen, als ich mir vorstellte, wie ich nach der Messe vor der Kathedrale meine Krücken von mir werfe und brülle "Ich kann wieder sehen!"

Ja, da mußte ich wirklich lachen. Positiv denken hilft. Wünsche ans Universum halfen bei mir nämlich nur bedingt. Eigentlich nur ein Mal. Als ich nämlich morgens in der Albergue saß und verschlafen vor mich hinmurmelte: Ich wünschte, ich wüßte, wo mein zweiter Socken ist.
Und zack lag er da. Superwunsch.

Ich bin übrigens auch wieder da. Das Laufen geht noch nicht so ganz gut, ich lahme noch, und sollte ich wider Erwarten abgenommen haben, was ich gar nicht glaube, ich habe jetzt nämlich Waden wie ein Brauereipferd, von den Oberschenkeln mal gar nicht zu reden, wird das ganze in den nächsten vier Tagen wieder zur Erledigung kommen, weil ein lieber Geist vor meiner Haustür einen Riesenkarton Süßigkeiten und Pferdesalbe abgestellt hat.

Wie passend.

Dienstag, Oktober 16, 2007

Santiago

Nun sind wir in Santiago. Naja, "nun" ist ein wenig falsch ausgedrueckt. Eigentlich sind wir bereits seit Sonntag mittag hier. Und Binschn latscht jetzt an Kruecken von wegen der Schonung. Knapp 60 Kilometer mit einer ansteigenden Entzuendung im Fuss laufen, ist nicht unbedingt gesundheitsfoerdernd, aber mit Apothekendrogen bis unter die Augen durchaus machbar.

Natuerlich habe ich jeden morgen mit dem Gedanken gespielt, den Bus zu nehmen. Auch am Sonntag frueh haderte ich, ob ich die letzten 24 Kilometer fahre. Aber ich gehe doch nicht 300 Kilometer durch Spanien um dann die letzten Meter den Bus zu nehmen. Das ging nicht. Und der Fuss sah das auch ein und liess sich einlaufen. Er durfte keine Pause machen, weil er schlecht wieder ausm Quark kam, aber er hat mitgespielt. Und ich bin den ganzen Weg gelaufen.

Natuerlich ist er jetzt ein wenig boese mit mir und hat ziemlich klare Ideen geaeussert, was das wandern nach Finistera angeht. Eine selbsterzwungene Pause? Vielleicht aber auch die letzte Moeglichkeit des Koerpers, dem Weg entsprechend mal ein wenig langsamer zu machen und tatsaechlich auch die Anstrengung wirken zu lassen. Sowohl die koerperliche, als auch die mentale. Mental hatte ich wohl vordergruendig zu viel Spass.

Der gesamte Weg war ein Heidenspass. Egal ob religioes oder nicht. Einzelheiten folgen, aber wie bereits gesagt, ich kann hier nur situativ.

Also, ein religioeser Heidenspass? Egal wie. Ich wuerde sagen, dass ich grundsaetzlich schon im Normalleben sehr viel Spass habe. In den letzten zwei Wochen habe ich dennoch so viel lachen muessen wie schon lange nicht mehr. Und die logische Quittung dafuer bekam ich dann gestern in der Pilgermesse. Als wir in der Messe in dieser riesigen Kathedrale sassen mit tausend anderen Leuten, von denen mir eine grosse Zahl vom Weg her vertraut waren, war es, als drueckten mit einmal all die Gefuehle aller Anwesenden, die Freude, hier zu sein, der Stolz, es geschafft zu haben, die Dankbarkeit fuer all die Hilfsbereitschaft und Offenheit, die uns auf dem gesamten Weg begleitet hat, auch Trauer und Schmerzen und Sehnsucht auf mich runter und gleichzeitig fiel auf mir drueckendes runter oder ging in diesem emotionalen Gemisch auf.

Und ich habe die ganze Messe lang geweint. Ich konnte ueberhaupt nichts dagegen tun. Es ging ein Hahn auf und es lief und lief und lief. Schaetze, das musste sein.

Als Zwischenfazit, jetzt, wo ich noch zwei Tage lang Krueckentourist in Santiago spiele bleibt festzuhalten, dass die Idee, den Jakobsweg zu laufen, eine gaenzlich phantastische war. Meike und ich haben irgendwelche altschwesterlichen Bruecken gebrochen und uns, nachdem wir uns durchaus am Anfang quer durch irgendwelche Ortschaften anbruellten, wie von allein neu angenaehert und sind jetzt ein prima Team ohne falsche Beziehungsohren.

Und ein weiteres Zwischenfazit ist, dass gleich schon wieder die gemietete Zeit im Internetcafe vorbei ist und ich ausserdem in zehn Minuten mit Herdenteilen verabredet bin. Sobald ich die Bilder runterladen kann, naemlich zu Hause, stell ich euch alle mal vor.

Alsdann. Buen Camino. Das war eine schoene Zeit. Pilgern macht Laune.