Wie schnell einen die Zivilisation und das normale Leben doch wieder einholt. In meiner Wohnung stehen überall leere Bierdosen und Esspappen vom Chinamann. Wann sind die denn gewachsen?
Ich hab gut und lange geschlafen und sitze jetzt - wie an einem ganz normalen Samstag auch - kaffeetrinkenderweise vorm PC.
Ein Anker. Ich brauche einen Anker, damit sich der Jakobsweg nicht allzu schnell wieder verflüchtigt. Mit einem Mal ist alles wieder normal und man denkt nur noch beiläufig an einen reizenden Wanderurlaub? Naja gut, so eilig ist das noch gar nicht. Diese sympatisch schrullige Eigenart, an Krücken zu laufen, habe ich mir ja auch von dort mitgebracht. Und so wie es sich anfühlt, werde ich das wohl auch noch ein paar Tage durchziehen.
Und für den Fall, dass mich der Alltag irgendwann einholt, habe ich mir ein paar Kacheln mitgebracht, auf denen die Richtungspfeile und die Richtungsmuschel zu sehen sind. Wie ich schon mal schrieb, wer ein solches Symbol auf dem Weg vor sich sieht, der weiss, dass er auf dem richtigen Weg ist, dass er sich nicht verlaufen hat, dass er nicht verlorenging. Ich halte dieses Gefühl für ein außergewöhnlich beruhigendes und werde das auch gerne weiter haben, wenn ich die kleinen Kachelchen anschau.
Die Schmetterlinge, die Hape als typisch für den richtigen Weg (stimmt übrigens) sieht, sind mir im Gepäck nämlich alle zerbröselt.
Nein liebe Kinder, ich habe mir natürlich keine Schmetterlinge aus Spanien mitgebracht. Die sind ja nicht sehr handzahm die Biester. Realistischer wäre die Mitnahme von Wanzen oder Flöhen gewesen. Hier sehen wir zum Beispiel Meike auf einem Bett, welches sie zu der Zeit bereits ohne ihr Wissen mit Wanzen teilte:

So sah ihr Bein zumindest hinterher aus. Ein wenig gepunktet. Und Mitschläfer hatten am nächsten Morgen ähnliche Muster vorzuweisen. Ich hatte Glück und blieb verschont. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt auch schon genug damit zu tun, daß ich an allen Ecken kaputtging. Das wär gemein gewesen, mich auch noch mit Wanzen zu überziehen.
Da denkt man doch direkt an Tucholsky:
Ich geh mit meinen Wanzen schlafen,
rotbraun und platt.
Quartiert bin ich bei einem Grafen,
der viele hat.
Des Nachts, wenn alle Sterne funkeln,
dann ziehen still
die fleißigen Scharen hin im Dunkeln
wie Gott es will.
Sie kommen aus den schmalen Ritzen,
aus dem Parkett;
die feinern aber fastend sitzen
des Tags im Bett.
Sie pieken mich. Es schwillt zu riesigen
Fleischklümpchen an, was sie gepackt;
das macht die Beißekunst der Hiesigen -
die sind exakt.
Sie pieken mich. Es juckt. Zum Glück
ist morgen alles wieder rein.
Und wenn ich eine sanft zerdrücke,
gedenk ich dein.
Reizend nicht? Wie auch immer. Wir hörten dann und wann von Problemen mit derlei Tierchen. Die Alberguen wurden dann auch geschlossen und gereinigt wenn es bekannt wurde. Vielleicht nicht jede, aber wir hörten von welchen. Ansonsten muß ich jetzt mal eine Lanze brechen. Wir hatten eigentlich am Anfang des Urlaubs vor, auch eher Hostels und Pensionen zu nutzen, weil überall so furchtbare Geschichten über die Refugien kursieren. Und wir haben uns umentschlossen. Einzwei Luxushoteltage haben wir uns gegönnt, aber ansonsten waren wir mit der Herde im Stall.
Die meisten Refugien in denen wir waren, waren angenehm. Nicht hygienisch rein, nicht luxuriös, aber guter Jugendherbergsstandard, manchmal weit drüberliegend, manchmal leicht drunter. So richtige Kotznächte hatten wir nicht. Natürlich gab es auch mal Refugien, in denen man - meist überraschenderweise - sein Klopapier selbst mitbringen musste, und auch welche, in denen eine schöne, große saubere Küche vorhanden war, in deren Schränken allerdings gar nix lag. Kein Geschirr, kein Besteck, keine Töpfe. Das hätte wohl die Ordnung gestört und die Pilger zum kochen gereizt. Gehtjanicht.
Aber all das war gut zu ertragen. Auch die Schnarcherei des Nachts. Oropax ist toll und wenn man aus Notwehr selbst beginnt zu schnarchen, wie ich es tat wie man mir sagte, schläft man gut durch. Vom eigenen schnarchen wacht man ja nicht auf. Knickknack, weissbescheid?
Apropos knickknack...da kann einem schon ganz schön das Adrenalin hinter die Ohren schießen, wenn man in einem unteren Stockbett liegt, welches knarrt wie ein Seelenverkäufer kurz vorm sinken, über einem im Bett liegt ein nahezu zwei Meter großer Norbert, und dann sieht man, daß diverse Lattenrostbretter unter seinem Po schon längst von anderen Pilgern durchgebrochen wurden. Wenn man dann morgens gesund und munter auffwacht, rückt man gleich ein wenig näher an den Glauben ran.
So, und jetzt noch ein paar Fotos von den nächsten Tagen. Langsam sieht man schon, daß sich die langweilige Landschaft etwas sanfter hügeliger gestaltete. Und spätestens nach dem Cruz de Ferro war es so unsagbar schön, dass mir immer noch der Atem stockt wenn ich nur die Bilder sehe. Ich fang erstmal an:

Mit Schneewittchen vor den sieben Bergen. Ohne Zwerge.

Überall am ganzen Weg finden sich Trinkwasserbrunnen. Gut, nicht überall, aber in ausreichender Menge. Wer auf dem Weg austrocknet, ist ein Depp.

Das Ziel am Tag Nr. 3. Kurz vorm Cruz de Ferro, zu dem es von Foncebadon nur noch eine knappe halbe Stunde Aufstieg sind. Wir gingen zum Sonnenaufgang. Hier ein erster Eindruck, mehr dann in einem nächsten Artikel.